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Die Rose oder Die Künstlerwanderung
  • Die Rose oder Die Künstlerwanderung
  • Bild
  • Moritz von Schwind (21.1.1804 - 8.2.1871), Maler
  • 1846/1847
  • Öl auf Leinwand
  • 216 x 134 cm
  • Ident.Nr. A I 110
  • 1874 Ankauf von dem Spinnereifabrikanten Carl Schwarz, Erlangen
  • Sammlung: Nationalgalerie | Alte Nationalgalerie
  • © Foto: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Andres Kilger
Description
Provenienz
Schwinds Wanderjahre, nach der prägenden Frühzeit im Wiener Kreis um Franz Schubert, hatten ihn über München und Karlsruhe nach Frankfurt am Main geführt. Den Abschluß dieser Wanderjahre markiert das Bild mit dem Doppeltitel »Die Rose oder Die Künstlerwanderung«, begonnen in Frankfurt und vollendet in München, wohin er dreiundvierzigjährig als Akademieprofessor berufen worden war. Die Darstellung ist Traum von der Ritterzeit und Landschaft in einem, Ballade und Naturlyrik zugleich. In morgenfrischer Luft, bei Trompetenschall, erwarten Braut und Brautjungfrauen den Bräutigam. Während er sich mit seinem Gefolge aus blauer Ferne nähert, erklimmen Musikanten mühselig – von rechts nach links, gegen die bequeme Leserichtung – den steilen Pfad zur Burg. Den Vordergrund begrenzt ein abgründiger Hang. Das Hochformat, die Schmalheit des Weges und die Enge des Fernblicks, die heftige perspektivische Verkürzung steigern den Sog der Tiefe.
Zwei soziale Sphären stoßen aufeinander: die Idealwelt märchenhaften Rittertums und bräutlicher Schönheit und eine groteske, verzerrte, traurige Realität. »Der Held«, erläutert Schwind, »ist der letzte der Musikanten, ein Mann von hohen Ideen, bedeutender Phantasie, aber nicht weiter in der Welt vorgerückt, als in der Gesellschaft gemeinen eitlen Gesindels zur Ergötzung, vielleicht zum Spott der vornehmen Welt sein Stücklein zu blasen – ein verdorbenes Genie mit einem Wort« (Moritz von Schwind, Briefe, Leipzig 1924, S. 203). Die Rose, die eines der Mädchen fallen ließ – unachtsam oder mutwillig? –, wird der Tagträumer im nächsten Augenblick beglückt an sein Herz pressen.
Der ›letzte der Musikanten‹ – als Urbild gilt der Maler Theodor Rehbenitz, einst ein hoffnungsvoller junger Romdeutscher, der jetzt im abgelegenen Kiel als Universitätszeichenlehrer darbte – gehört in die Reihe der Sonderlingsgestalten und Antihelden, die das Biedermeier geschaffen hat. 1847, im Jahr der Fertigstellung des Gemäldes, erschien Grillparzers Novelle »Der arme Spielmann« über einen Geiger, dessen Träume von Kunst und von Liebe kläglich scheitern. Während die Mädchengruppe auf dem Söller von weich gleitenden, graziösen Schwüngen bestimmt wird, sind die Konturen dort, wo die Musikanten karikiert werden, spitzig, winklig und arhythmisch gebrochen.
Das Motiv der fallen gelassenen Rose ist, wie man den vorbereitenden Zeichnungen entnehmen kann, erst im letzten Augenblick erfunden. Zuvor hielt der Klarinettenspieler die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Die Episode mit der Rose ist also keineswegs der Kern der Bildidee, nur eine Pointe. | Claude Keisch


SIGNATUREN UND INSCHRIFTEN
Bez.: M. Schwind 1847 [durch Kriegsbeschädigung nicht mehr erhalten]

AUSSTELLUNGEN
– Kunstverein, München, 1847
– Akademische Kunstausstellung, Dresden, 1848
– Abschied - Reise - Heimkehr, eine Motivgruppe zwischen Empfindsamkeit und Biedermeier, Berlin (Ost), Nationalgalerie, 3.5.-18.6.1978
– Moritz von Schwind Meister der Spätromantik, Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle, 12.10.1996-6.1.1997
– Moritz von Schwind Meister der Spätromantik, Leipzig, Museum der bildenden Künste, 27.2.-20.4.1997
– Spirit of an Age. Nineteenth-Century Paintings from the Nationalgalerie, Berlin, London, National Gallery, 8.3.-13.5.2001
– Spirit of an Age. Nineteenth-Century Paintings from the Nationalgalerie, Berlin, Washington, National Gallery of Art, 10.6.-3.9.2001
– A German Dream. Masterpieces of Romanticism from the Nationalgalerie Berlin, Dublin, National Gallery of Ireland, 17.10.2004-30.1.2005
– Im Tempel der Kunst. Die Künstlermythen der Deutschen, Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie, 1.10.2008-18.1.2009

LITERATUR
– Ausst.-Kat. Berlin 1978: Abschied - Reise - Heimkehr. Eine Motivgruppe zwischen Empfindsamkeit und Biedermeier, hrsg. v. Claude Keisch, Ausst.-Kat. Staatliche Museen zu Berlin 3.5.-18.6.1978, o. S., mit Taf.
– Ausst.-Kat. Berlin 2008: Im Tempel der Kunst. die Künstlermythen der Deutschen, hrsg. v. Bernhard Maaz, Ausst.-Kat. Alte Nationalgalerie, Berlin 1.10.2008-18.1.2009, S. 66, 153, Kat. 32, Farbabb. S. 66
– Ausst.-Kat. Dublin 2004: A German Dream. Masterpieces of Romanticism from the Nationalgalerie Berlin, hrsg. v. Bernhard Maaz, Ausst.-Kat. National Gallery of Ireland, Dublin 17.10.2004-30.1.2005, S. 162, Kat.-Nr. 58 mit Farbtaf., Farb-Detail
– Ausst.-Kat. Karlsruhe 1996: Moritz von Schwind. Meister der Spätromantik, hrsg. v. Sigmar Holsten, Ausst.-Kat. Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. 12.10.1996 - 6.1.1997; Museum der Bildenden Künste Leipzig, 27.2. - 20.4.1997, Kat.-Nr. 268.
– Ausst.-Kat. London 2001: Spirit of an Age. Nineteenth-Century Paintings from the Nationalgalerie, Berlin, Ausst.-Kat. National Gallery, London 2001, S. 90, Kat.-Nr. 19, Farbtaf. S. 91
– Boetticher 1891: Friedrich Boetticher, Malerwerke des 19. Jahrhunderts, Leipzig, Schmidt & Günther, 1891, Bd. II, 2, S. 704, Kat.-Nr. 63
– Foerster 1848: E[rnst] F[oerster], Der Hochzeitmorgen und die Rose, Ölgemälde von M. v. Schwind, in: Kunstblatt, 29. Jg. (1848), H. 9 (22. Feb.), S. 33-34
– Haack 1913: Friedrich Haack, M. v. Schwind, Bielefeld, Leipzig, Velhagen & Klasing, 1913, 4. Aufl., S. 88, Taf. S. 59 (Abb. 63)
– Hütt 1986: Wolfgang Hütt, Deutsche Malerei und Graphik 1750-1945, Berlin, Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, 1986, S. 108, Farbabb. 125
– Jordan 1876: Beschreibendes Verzeichniß der Kunstwerke in der Königlichen National-Galerie zu Berlin, bearb. v. Max Jordan, Berlin, Mittler & Sohn, 1876, 2. Aufl., S. 245, Kat.-Nr. 343
– Justi 1932: Ludwig Justi, Von Runge bis Thoma. Deutsche Malkunst im 19. und 20. Jahrhundert. Ein Gang durch die National-Galerie, Berlin, Bard, 1932, S. 83, Taf. 26
– Kittelmann 2013: Udo Kittelmann (Hrsg.), Nationalgalerie Berlin, Highlights, Mailand, Scala, 2013, S. 60 mit Farbabb.
– Maaz 1996: Bernhard Maaz (Hrsg.), Alte Nationalgalerie Berlin, München, New York, Prestel, 1996, S. 58 f., Kat.-Nr. 71 mit Farbabb.
– Nationalgalerie Kataloge 1876: Beschreibendes Verzeichniß der Kunstwerke in der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Katalog der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Verzeichnis der Gemälde und Skulpturen in der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Verzeichnis der Gemälde und Bildwerke in der National-Galerie zu Berlin, Berlin, 1876-1934, Kat.-Nr. 343
– Nationalgalerie 1945: Paul Ortwin Rave (Hrsg.), Die Malerei des XIX. Jahrhunderts. 240 Bilder nach Gemälden der National-Galerie, Berlin, Gebr. Mann, 1945, S. 13, Taf. 79
– Nationalgalerie 1986: Die Gemälde der Nationalgalerie. Verzeichnis. Deutsche Malerei vom Klassizismus bis zum Impressionismus. Ausländische Malerei von 1800 bis 1930, bearb. v. Claude Keisch, Berlin (Ost), Die Museen, 1986, o. S., Farbtaf. XI
– Nationalgalerie 1996: Die Gemälde der Nationalgalerie, München, Saur, 1996 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 1999: Gesamtverzeichnis der Gemälde und Skulpturen; Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, München, Saur, 1999 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 2017: Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie, hrsg. v. Angelika Wesenberg, Birgit Verwiebe und Regina Freyberger, Petersberg, Imhof, 2017, S. 782 mit Abb.
– Norman 1977: Geraldine Norman, Nineteenth-Century Painters and Painting. A Dictionary, Berkeley, Los Angeles, University of California Press, 1977, Abb. S. 192
– Pommeranz-Liedtke 1974: Gerhard Pommeranz-Liedtke, Moritz von Schwind. Maler und Poet, Leipzig, Wien, München, Seemann, 1974, S. 157, Taf. 36
– Rave 1949: Paul Ortwin Rave, Deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts, Berlin, Mann, 1949, S. 311, Taf. 87
– Schwind 1924: Moritz von Schwind, Briefe, hrsg. v. Otto Stoessl, Leipzig, Bibliographisches Institut, 1924, S. 201, 203
– Stepan 1983: Peter Stepan (Hrsg.), Die deutschen Museen, Braunschweig, Westermann, 1983, S. 98 mit Farbtaf.
– Thieme/Becker 1907-1950: Ulrich Thieme und Felix Becker, Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Leipzig, Engelmann, 1907-1950, Bd. 30, 1936, S. 387
– Weigmann 1906: Otto Weigmann, Schwind. Des Meisters Werke in 1265 Abbildungen, Stuttgart, Leipzig, Deutsche Verlagsanstalt, 1906, S. 545, Taf. 244
– Weltkunst 1931 ff.: Weltkunst. Aktuelle Zeitschrift für Kunst und Antiquitäten, München, 12/2008, 78. Jg., 15. Okt. 2008, S. 16-18 mit Farbtaf.
– Wesenberg 2001: Angelika Wesenberg und Eve Förschl (Hrsg.), Nationalgalerie Berlin. Das XIX. Jahrhundert. Katalog der ausgestellten Werke, Leipzig, Seemann, 2001, S. 390 f., Kat.-Nr. 456 mit Farbabb.
– Wesenberg 2001: Angelika Wesenberg und Eve Förschl (Hrsg.), Nationalgalerie Berlin. Das XIX. Jahrhundert. Katalog der ausgestellten Werke, Leipzig, Seemann, 2001, S. 50, Kat.-Nr. 50, Farbtaf. S. 51


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