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Gottesdienst in der Zuchthauskirche
  • Gottesdienst in der Zuchthauskirche
  • Bild
  • Wilhelm Joseph Heine (18.4.1813 - 29.6.1839), Maler
  • 1838
  • Öl auf Leinwand
  • 78 x 108 cm
  • Ident.Nr. W.S. 77
  • 1861 Vermächtnis des Bankiers Joachim Heinrich Wilhelm Wagener als Gründungssammlung der Nationalgalerie
  • Sammlung: Nationalgalerie | Alte Nationalgalerie
  • © Foto: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Andres Kilger
Description
Provenienz
Wilhelm Joseph Heine zählt zu den bedeutenden Vertretern der sogenannten sozialen Tendenzmalerei, einer zeitkritischen Strömung innerhalb der Düsseldorfer Malerschule. 1837 entstand sein Hauptwerk »Gottesdienst in der Zuchthauskirche« (Museum der bildenden Künste Leipzig). Ein Jahr später schuf Heine eine Replik für den Bankier Joachim Heinrich Wilhelm Wagener, der seine Sammlung dem preußischen König als Grundlage einer künftigen Nationalgalerie vermachte.
Das Gemälde gilt als ein politisches Zeitzeugnis der deutschen Kunst des Vormärz; es wurde verschiedentlich mit dem Tod des hessischen Pfarrers Friedrich Ludwig Weidig, der 1837 im Darmstädter Untersuchungsgefängnis ums Leben kam, in Verbindung gebracht. In den Zeiten der Demokratenverfolgung gehörte Weidig zum Freundeskreis des Dichters Georg Büchner und war einer der Mitverfasser der revolutionären Volksschrift »Der hessische Landbote«. Ihm ist wohl die Figur des gesenkten Hauptes an einer Säule lehnenden älteren Mannes im Vordergrund gewidmet. Der links den Soldaten zugewandte bärtige Mann im Weberkittel – eine Kleidung der Arbeiter der rheinischen Textilindustrie – blickt verächtlich an seinen bewaffneten Bewachern vorbei. Heine verlieh ihm, zum Zeichen der Verbundenheit mit den Gefangenen, selbstbildnishafte Züge. Unter der Empore sind Männer verschiedener Altersgruppen und Schichten versammelt. Sie repräsentieren die politisch verfolgten Bürger, Burschenschaftler und Handwerker. Haltung und Gestik der Inhaftierten drückt sowohl Gelassenheit als auch Verzweiflung aus. Ihre geistige Unabhängigkeit demonstrierend, sind sie im Gespräch oder lesen ein Buch. Hier fällt besonders der allem zum Trotz in seine Lektüre vertiefte, selbstsicher wirkende Jüngling aus gutem Hause auf.
Durch die brillante Charakterisierung der einzelnen Gestalten und eine kultivierte Farb- und Lichtgestaltung gelang dem jungen Heine ein Meisterwerk. Die überwältigende Resonanz seiner Zeitgenossen veranlaßte den Maler zu mehreren Wiederholungen des Bildes. | Birgit Verwiebe


SIGNATUREN UND INSCHRIFTEN
Bez. rechts unten: W. Heine. 1838.

AUSSTELLUNGEN
– Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie, Berlin, Alte Nationalgalerie, 23.3.2011-8.1.2012
– Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie, Papenburg, Gut Altenkamp, 15.5.-19.8.2012
– Georg Büchner - Revolutionär mit Feder und Skalpell, Darmstadt, Institut Mathildenhöhe, 13.10.2013-16.02.2014
– Meisterwerke der Malerei des 19. Jahrhunderts aus der Nationalgalerie Berlin, Breslau, Muzeum Miejskie Wrocławia, 18.09.2016-15.01.2017

LITERATUR
– Ausst.-Kat. Berlin 2011: Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie, hrsg. v. Birgit Verwiebe, Angelika Wesenberg und Udo Kittelmann, Ausst.-Kat. Alte Nationalgalerie, Berlin 23.3.2011-8.1.2012, Kat-Nr. 77
– Ausst.-Kat. Düsseldorf 1979: Die Düsseldorfer Malerschule, hrsg. v. Wend von Kalnein, Ausst.-Kat. Kunstmuseum Düsseldorf 13.5.-8.7.1979; Mathildenhöhe Darmstadt 22.7.-9.9.1979, S. 70-72 m. Abb., 331 f., Kat.-Nr. 98 mit Abb.
– Ausst.-Kat. Düsseldorf 2011: Die Düsseldorfer Malerschule und ihre internationale Ausstrahlung 1819-1918, hrsg. v. Bettina Baumgärtel, Ausst.-Kat. Museum Kunstpalast, Düsseldorf 24.9.2011-22.1.2012, Bd. 1, Abb. S. 324,Bd. 1, S. 323-325
– Boetticher 1891: Friedrich Boetticher, Malerwerke des 19. Jahrhunderts, Leipzig, Schmidt & Günther, 1891, Bd. I, 2, S. 510, Kat.-Nr. 8
– Hütt 1995: Wolfgang Hütt, Die Düsseldorfer Malerschule 1819-1869, Leipzig, Seemann, 1995, S. 167f.
– Jordan 1876: Beschreibendes Verzeichniß der Kunstwerke in der Königlichen National-Galerie zu Berlin, bearb. v. Max Jordan, Berlin, Mittler & Sohn, 1876, 2. Aufl., S. 115, Kat.-Nr. 115
– Kugler 1838: Verzeichniss der Gemälde-Sammlung des Königl. Schwedischen und Norwegischen Consuls J. H. W. Wagener zu Berlin, hrsg. v. Franz Kugler, Berlin 1838, S. 89 f., Kat.-Nr. 185
– Nationalgalerie Kataloge 1876: Beschreibendes Verzeichniß der Kunstwerke in der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Katalog der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Verzeichnis der Gemälde und Skulpturen in der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Verzeichnis der Gemälde und Bildwerke in der National-Galerie zu Berlin, Berlin, 1876-1907, Kat.-Nr. 115
– Nationalgalerie 1986: Die Gemälde der Nationalgalerie. Verzeichnis. Deutsche Malerei vom Klassizismus bis zum Impressionismus. Ausländische Malerei von 1800 bis 1930, bearb. v. Claude Keisch, Berlin (Ost), Die Museen, 1986, o. S.
– Nationalgalerie 1996: Die Gemälde der Nationalgalerie, München, Saur, 1996 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 1999: Gesamtverzeichnis der Gemälde und Skulpturen; Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, München, Saur, 1999 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 2017: Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie, hrsg. v. Angelika Wesenberg, Birgit Verwiebe und Regina Freyberger, Petersberg, Imhof, 2017, S. 346 mit Abb.
– Thieme/Becker 1907-1950: Ulrich Thieme und Felix Becker, Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Leipzig, Engelmann, 1907-1950, Bd. 16, 1923, S. 291
– Verwiebe/Wesenberg 2013: Birgit Verwiebe und Angelika Wesenberg (Hrsg.), Die Gründung der Nationalgalerie in Berlin. Der Stifter Wagener und seine Bilder, Köln, Böhlau, 2013, S. 69-70, Abb. 27
– Waagen 1861: Verzeichniss der Gemälde-Sammlung des am 18. Januar 1861 zu Berlin verstorbenen Königlichen Schwedischen und Norwegischen Konsuls J. H. W. Wagener, welche durch letztwillige Bestimmung in den Besitz Seiner Majestät des Königs übergegangen ist, hrsg. v. Gustav Friedrich Waagen, Berlin 1861, S. 39 f., Kat.-Nr. 77


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