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Judenfriedhof in Prag
  • Judenfriedhof in Prag
  • Bild
  • Adolph Menzel (8.12.1815 - 9.2.1905), Maler
  • um 1852/1853
  • Öl auf Leinwand
  • 69,5 x 57,3 cm
  • Ident.Nr. A III 511
  • 1906 Ankauf von Emilie Krigar-Menzel, Berlin, aus dem Nachlaß des Künstlers
  • Sammlung: Nationalgalerie | Alte Nationalgalerie
  • © Foto: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Klaus Göken
Description
Provenienz
Schon 36 Jahre alt, unternahm Menzel die erste der großen Reisen, die er später fast jährlich, mit unterschiedlichem Itinerar, wiederholen sollte. Im Sommer 1852, nach Vollendung des Werkes »Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci« (1850–1852, Nationalgalerie, Inv.-Nr. A I 206), besuchte er zehn Wochen lang mit seiner Schwester Emilie die Architekturen und Museen von Bamberg, Nürnberg, München, Salzburg und Prag. Daß ihn in Prag das jüdische Viertel besonders anzog – im folgenden Jahr malte er ein Erinnerungsbild der Altneu-Synagoge (Wallraf-Richartz-Museum, Köln) – ist erklärlich; denn das Bemühen um jüdische ›Nationalphysiognomie‹ in seiner Komposition »Christus als Knabe unter den Schriftgelehrten« (1851, Hamburger Kunsthalle) beschäftigte ihn nach wie vor und sollte noch lange Kontroversen nähren. Auf dem alten jüdischen Friedhof drängen sich heute noch eng bei eng zwischen verdorrten, gekrümmten Bäumen die beschädigten, kippenden, in das geböschte Gelände einsinkenden Steine – exemplarische Zeugen der Vergänglichkeit, vor denen sich Menzel wohl des in der Dresdner Galerie gesehenen »Judenfriedhofs« von Ruisdael (Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden) erinnert haben wird, vielleicht gar an Goethes Worte, die Grabmale auf diesem Bild deuteten »in ihrem zerstörten Zustande auf ein Mehr-als-Vergangenes: sie sind Grabmäler von sich selbst« (Goethes Kunstschriften, Bd. 2, Leipzig 1912, S. 407). Wie bei Ruisdael – und anders als bei Friedrich oder Lessing – ist in Menzels figurenloser Komposition kein expliziter Symbolgehalt gemeint, nur die elementare Anmutung des Gegenstandes und ebenso des malerischen Ausdrucks, der auf das Vorläufige, Ungewisse und, mit Goethe gesagt, »Mehr-als-Vergangene« (ebd., S. 407), auf das Ruinöse zielt. Bündig und kontrastreich hat ein flacher Pinsel die kubischen Formen der Grabsteine so modelliert, daß sie auch als wildwüchsige Felsen gedeutet werden könnten. Stellenweise erkennt man, wie die harten Pinselborsten in die Farbe eingestoßen worden sind. Im Hintergrund, wo die Steine von halb erstorbenen Bäumen überwachsen sind, spreizen sich expressive dunkle Kurven und gehen über in Zonen, deren braune Farbe beschabt und zerkratzt ist; diesem ›Informel‹ technisch und der Stimmung nach am verwandtesten ist das Bild »Waldesnacht« (1851, Kunsthaus Zürich). | Claude Keisch


SIGNATUREN UND INSCHRIFTEN
nicht bezeichnet

AUSSTELLUNGEN
– Ausstellung von Werken Adolph von Menzels 1905, Berlin, Königliche National-Galerie, 1905
– Adolph Menzel. Gemälde Zeichnungen, Berlin (Ost), Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, 1980
– Adolph Menzel, 1815-1905. Das Labyrinth der Wirklichkeit, Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie im Alten Museum, 7.2.-11.5.1997
– Regards sur l'Europe. L'Europe et la peinture allemande du XIXe siècle, Brüssel, Palais des Beaux-Arts, 8.3.-20.5.2007
– Blicke auf Europa. Europa und die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts, München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Neue Pinakothek, 22.6.-2.9.2007
– Unfinished: Thoughts Left Visible, New York, The Met Breuer, Madison Avenue, 01.03.2016-04.09.2016

LITERATUR
– Ausst.-Kat. Berlin 1905: Ausstellung von Werken Adolph von Menzels 1905, Ausst.-Kat. Königliche Nationalgalerie Berlin 1905, S. 9, Kat.-Nr. 99
– Ausst.-Kat. Berlin 1980: Adolph Menzel. Gemälde, Zeichnungen. Ausstellung 1980, Ausst.-Kat. Nationalgalerie 1980, S. 301, Kat.-Nr. XIV, Taf. S. 217
– Ausst.-Kat. Berlin 1997: Adolph Menzel 1815-1905. Das Labyrinth der Wirklichkeit, hrsg. v. Claude Keisch und Marie Ursula Riemann-Reyher, Ausst.-Kat. Musée d'Orsay, Paris 15.4.-28.7.1996; National Gallery of Art, Washington 15.9.1996-5.1.1997; Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie im Alten Museum 7.2.-11.5.1997, S. 168/171, Kat.-Nr. 70, Farbtaf. S. 169
– Ausst.-Kat. Brüssel 2007: Blicke auf Europa. Europa und die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts, hrsg. v. Bernhard Maaz, Ausst.-Kat. Palais des Beaux-Arts, Brüssel 8.3.-20.5.2007; Neue Pinakothek, München 22.6.-2.9.2007, S. 377, Kat.-Nr. 148 mit Farbabb., Farbtaf. 147, S. 310
– Ausst.-Kat. Paris 1996: Adolph Menzel, 1815-1905, "la névrose du vrai", hrsg. v. Claude Keisch und Marie Riemann-Reyher, Ausst.-Kat. Musée d'Orsay, Paris 15.4.-28.7.1996; National Gallery of Art, Washington 15.9.1996-5.1.1997; Alte Nationalgalerie, Berlin 7.2.-11.5.1997, S. 70 f., Kat.-Nr. 70 mit Farbtaf.
– Goethe 1912: Johann Wolfgang von Goethe, Goethes Kunstschriften, Bd. 2, Leipzig, Insel, 1912, S. 404-408 (Goethe: Ruysdael als Dichter), hier S. 407
– Nationalgalerie 1986: Die Gemälde der Nationalgalerie. Verzeichnis. Deutsche Malerei vom Klassizismus bis zum Impressionismus. Ausländische Malerei von 1800 bis 1930, bearb. v. Claude Keisch, Berlin (Ost), Die Museen, 1986, o. S.
– Nationalgalerie 1996: Die Gemälde der Nationalgalerie, München, Saur, 1996 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 1999: Gesamtverzeichnis der Gemälde und Skulpturen; Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, München, Saur, 1999 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 2017: Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie, hrsg. v. Angelika Wesenberg, Birgit Verwiebe und Regina Freyberger, Petersberg, Imhof, 2017, S. 592 mit Abb.
– Wesenberg 2001: Angelika Wesenberg und Eve Förschl (Hrsg.), Nationalgalerie Berlin. Das XIX. Jahrhundert. Katalog der ausgestellten Werke, Leipzig, Seemann, 2001, S. 282, Kat.-Nr. 324 mit Farbabb.
– WVZ Tschudi 1905: Hugo von Tschudi, Adolph von Menzel. Abbildungen seiner Gemälde und Studien, München, Bruckmann, 1905, Abb. 84


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