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Der Fischerknabe und die Nixe
  • Der Fischerknabe und die Nixe
  • Bild
  • Julius Hübner (27.1.1806 - 7.11.1882), Maler
  • 1827/1828
  • Öl auf Leinwand
  • 147 x 192 cm
  • Ident.Nr. A III 752
  • 1987 Ankauf von Günther Bruckner, Karl-Marx-Stadt (Chemnitz)
  • Sammlung: Nationalgalerie | Alte Nationalgalerie
  • © Foto: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Andres Kilger
Beschreibung
Provenienz
In Goethes Ballade »Der Fischer« (um 1778) weckt der süße Ruf einer Nixe die Sehnsucht nach der Tiefe des Wassers: »Labt sich die liebe Sonne nicht, / Der Mond sich nicht im Meer? / Kehrt wellenatmend ihr Gesicht / Nicht doppelt schöner her? / Lockt dich der tiefe Himmel nicht, / Das feuchtverklärte Blau? / Lockt dich dein eigen Angesicht / Nicht her in ewgen Tau? / [...] Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm, / Da wars um ihn geschehn [...].« Die Geschichte ist dem oft gemalten Raub des Hylas aus der Argonautensage nachgeformt, und wie dieser kann sie ebenso lyrisch – im Sinne des Erwachens der Liebe – wie dramatisch – im Sinne der vernichtenden Gewalt des elementaren Gefühls – aufgefaßt werden. Schon zu Lebzeiten des Dichters wurde sie mehrfach in Bilder umgesetzt. Später löste die dämonischere Lorelei sie ab. Goethe aber, der die Verehrung der romantischen Generation mit Zurückhaltung empfing, meinte schon 1823: »Da malen sie z. B. meinen ›Fischer‹ und bedenken nicht, daß sich das garnicht malen läßt. Es ist ja in dieser Ballade bloß das Gefühl des Wassers ausgedrückt, das Anmutige, was uns im Sommer lockt, uns zu baden; weiter liegt nichts darin, und wie läßt sich das malen?« (Goethes Gespräche mit Eckermann, Berlin 1955, S. 77). Damit war das Problematische des Hübnerschen Ansatzes vorweggenommen. Denn poetische Stimmungen suchte die unter der Ägide des neuen Akademiedirektors Wilhelm Schadow entstehende, besonders durch Julius Hübner, Eduard Steinbrück und Carl Ferdinand Sohn vertretene, betont empfindsame Düsseldorfer Spätromantik zu vermitteln.
»Der Fischerknabe und die Nixe« wurde sofort als ein Programmbild der jungen Richtung aufgenommen, deren Wahrzeichen der Romancier Karl Immermann später darin erblicken sollte, »daß das Weiche, Ferne, Musikalische, Contemplative, Subjective vor dem Starken, Nahen, Plastischen, Handelnden vorwalten« (zit. nach: W. Müller von Königswinter, Düsseldorfer Künstler aus den letzten fünfundzwanzig Jahren, Kunstgeschichtliche Briefe, Leipzig 1854, S. 5). Als »ein reizendes Werk, das immer eine Menge Zuschauer um sich versammelt«, beschrieb E. H. Toelcken das Bild, als es in Berlin 1828 ausgestellt wurde. »Am schwierigsten war es«, fügte er hinzu, »den Schein zu vermeiden, als sei hier ein Annähern der Liebe dargestellt« (Berliner Kunst-Blatt, 1. Jg., 1828, S. 251 f.). Der Kritiker des »Kunst-Blatts« 1828 vermißte in der Wasserfrau den Ausdruck der Gefährlichkeit und Rachsucht; sie ähnele mehr der antiken Najade als den »furchtbaren Nixen aus unserer romantischen Zeit« (in: Kunst-Blatt, Beilage des Morgenblatts für gebildete Stände, 9. Jg., 1828, H. 82, S. 328). Wilhelm von Humboldt und Johann Gottfried Schadow spendeten dem Bild ihren Beifall. Hegel hingegen nahm das Werk in seiner Ästhetik-Vorlesung 1829 als Beispiel für einen verfehlten Anspruch der Malerei, auf die »bloße Innerlichkeit, auf das, was ausschließlich für die Poesie darstellbar ist«, zu zielen (Vorlesungen über Ästhetik, Frankfurt am Main 1970, S. 91). Hier klingt Goethes Skepsis wieder an. | Claude Keisch


SIGNATUREN UND INSCHRIFTEN
Bez. Mitte unten: 18 JH [ligiert] 28.

AUSSTELLUNGEN
– Berliner Akademie-Ausstellung, Berlin, Königliche Akademie der Bildenden Künste, 1828
– Akademische Kunstausstellung, Düsseldorf, Akademie der Künste, 1828
– Kunstverein Posen, Posen, 1837
– Julius Hübner (1806-1882), Berlin, National-Galerie, Dez. 1925 - Jan. 1926
– Kunst in Berlin. 1648-1987, Berlin, Staatliche Museen zu Berlin im Alten Museum, 10.6.-25.10.1987
– Kunst der Goethezeit. "Classizismus und Romantizismus", Papenburg-Aschendorf, Gut Altenkamp, 8.5.-26.9.1999
– Im Tempel der Kunst. Die Künstlermythen der Deutschen, Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie, 1.10.2008-18.1.2009
– Die Kunst der Aufklärung, Peking, chinesisches Nationalmuseum, 01.04.2011-31.03.2012

LITERATUR
– Ausst.-Kat. Beijing 2011: Die Kunst der Aufklärung. Eine Ausstellung der Staatlichen Museen zu Berlin, der Staatlichen Kunstsammlungen Dresdenm der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München und des National Museum of China, Ausst.-Kat. National Museum of China, Beijing, 2011, S. 221, Kat.-Nr. 122
– Ausst.-Kat. Berlin 1828: Verzeichniß derjenigen Kunstwerke, welche von der Königlichen Akademie der Künste [...] öffentlich ausgestellt sind, Ausst.-Kat. Akademie der Künste, Berlin, 1828, S. 73, Kat.-Nr. 689
– Ausst.-Kat. Berlin 1830: Verzeichniß derjenigen Kunstwerke, welche von der Königlichen Akademie der Künste [...] öffentlich ausgestellt sind, Ausst.-Kat. Akademie der Künste, Berlin, 1830, S. 101, Kat.-Nr. 992
– Ausst.-Kat. Berlin 1925: Julius Hübner. 1806-1882, hrsg. von Hans Mackowsky, Ausst.-Kat. National-Galerie Berlin 12.1925-1.1926, S. 13, Kat.-Nr. 2
– Ausst.-Kat. Berlin 1987: Kunst in Berlin 1648-1987, Ausst.-Kat. Altes Museum, Berlin 10.6.-25.10.1987, S. 229 f., Kat.-Nr. F 16 mit Abb.
– Ausst.-Kat. Berlin 2008: Im Tempel der Kunst. die Künstlermythen der Deutschen, hrsg. v. Bernhard Maaz, Ausst.-Kat. Alte Nationalgalerie, Berlin 1.10.2008-18.1.2009, S. 70, 153, Kat. 38, Farbtaf. S. 71
– Ausst.-Kat. Brandenburg an der Havel 1971: Berliner Biedermeier. Malerei und Graphik aus den Sammlungen der Staatlichen Schlösser und Gärten, hrsg. v. Gerd Bartoschek, Ausst.-Kat. Heimatmuseum Brandenburg (Havel) 1.1.-28.3.1971; Kulturhaus Hans Marchwitza, Potsdam, 16.9.-28.10.1973; Heimatmuseum Neuruppin 1.5.-25.6.1974; Bezirksmuseum Viadrina Frankfurt (Oder) 1.7.-31.9.1974, S. 52, Abb. 1
– Ausst.-Kat. Dortmund 2005: Die Kleine Nationalgalerie. Ein Bildersaal deutscher Kunst im 19. Jahrhundert, hrsg. v. Brigitte Buberl, Ausst.-Kat. Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund 26.6.2005-31.12.2007, S. 40, Abb. S. 40
– Ausst.-Kat. Düsseldorf 2011: Die Düsseldorfer Malerschule und ihre internationale Ausstrahlung 1819-1918, hrsg. v. Bettina Baumgärtel, Ausst.-Kat. Museum Kunstpalast, Düsseldorf 24.9.2011-22.1.2012, Bd. 1, Abb. S. 385
– Ausst.-Kat. Papenburg-Aschendorf 1999: "Classizismus und Romantizismus". Kunst der Goethezeit, hrsg. v. Birgit Verwiebe, Ausst.-Kat. Gut Altenkamp, Papenburg-Aschendorf 8.5.-26.9.1999, S. 192, Kat.-Nr. 81
– Biermann 1909-1930: Georg Biermann (Hrsg.), Der Cicerone. Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers und Sammlers, Leipzig, Klinkhardt and Biermann, 1909-1930, Jg. XVII, 1925, II. Teil, S. 995-1001, hier S. 1000
– Boetticher 1891: Friedrich Boetticher, Malerwerke des 19. Jahrhunderts, Leipzig, Schmidt & Günther, 1891, Bd. I, 2, S. 611, Kat.-Nr. 3
– Füßli 1843: Wilhelm Füßli, Die wichtigsten Städte am Mittel- und Niederrhein in deutschem Gebiet oder zweiter Band über rheinische Kunst, Zürich und Winterthur 1843, S. 563
– Hegel 1970: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesung über die Ästhetik, hrsg. v. Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel, Framkfurt am Main, Suhrkamp, 1970, S. 91
– Hütt 1984: Wolfgang Hütt, Die Düsseldorfer Malerschule. 1819-1869, Leipzig, Seemann, 1984, 2. Aufl., S. 13
– Jahrbuch Berliner Museen 1959: Jahrbuch der Berliner Museen [ehem. Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen], Berlin, Mann, 1959ff., Neue Folge, 43. Band, 2001, S. 235-259, hier S. 252, 256, Abb. 18, S. 253
– Jahrbuch Berliner Museen 1959: Jahrbuch der Berliner Museen [ehem. Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen], Berlin, Mann, 1959ff., 50. Band, 2008, S.155-163, hier S. 157, Farbabb. 4
– Müller von Königswinter 1854: Wolfgang Müller von Königswinter, Düsseldorfer Künstler aus den letzten fünfundzwanzig Jahren, Leipzig, Rudolf Weigel, 1854, S. 5, 26
– Nationalgalerie 1996: Die Gemälde der Nationalgalerie, München, Saur, 1996 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 1999: Gesamtverzeichnis der Gemälde und Skulpturen; Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, München, Saur, 1999 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 2017: Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie, hrsg. v. Angelika Wesenberg, Birgit Verwiebe und Regina Freyberger, Petersberg, Imhof, 2017, S. 388 mit Abb.
– Raczynski 1836: Athanasius Raczynski, Geschichte der neueren deutschen Kunst, Berlin 1836-1841, Bd. I, 1836, S. 123, 170, 179
– Schasler 1855: Max Schasler, Berlins Kunstschätze. Zweite Abtheilung: Die öffentlichen und Privat-Kunstsammlungen, Kunstinstitute und Ateliers der Künstler und Kunstindustriellen von Berlin, Berlin, Nicolai, 1855, Kat.-Nr. 59
– Scheyer 1963: Ernst Scheyer, Julius Hübner (1806-1882). Vom Biedermeier zur Akademie, in: Aurora. Ein romantischer Almanach, hrsg. v. Karl von Eichendorff, (1963), H. 23, S. 55-?, S. 62
– Scheyer 1965: Ernst Scheyer, Schlesische Malerei der Biedermeierzeit, Frankfurt am Main, Weidlich, 1965, S. 292, 294
– Schorn 1820-1848: Ludwig Schorn (Hrsg.), Kunstblatt, Stuttgart, Tübingen, Cotta'sche Buchhandlung, 1820-1848, Jg. 9, 1828, N° 82, S. 328
– Thieme/Becker 1907-1950: Ulrich Thieme und Felix Becker, Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Leipzig, Engelmann, 1907-1950, Bd. 18, 1925, S. 47
– Toelken 1828-1829: Ernst Heinrich Toelken (Hrsg.), Berliner Kunst-Blatt, Berlin, Schlesinger, 1828-1829, 1828, S. 251 f.
– Vogel 1989: Matthias Vogel, Melusine - das lässt aber tief blicken. Studien zur Gestalt der Wasserfrau in dichterischen und künstlerischen Zeugnissen des 19. Jahrhunderts, Bern, Lang, 1989, S. 91
– Wesenberg 2001: Angelika Wesenberg und Eve Förschl (Hrsg.), Nationalgalerie Berlin. Das XIX. Jahrhundert. Katalog der ausgestellten Werke, Leipzig, Seemann, 2001, S. 191 f., Kat.-Nr. 211, Farbabb. S. 192
– WVZ Monschau-Schmittmann 1993: Birgid Monschau-Schmittmann, Julius Hübner. Leben und Werk eines Malers der Spätromantik (Dissertation), Hamburg 1993, S. 129-142, 246, Nr. 28, Taf. 24
– Zenker 1955: Edith Zenker (Hrsg.), Goethes Gespräche mit Eckermann, Berlin, Aufbau-Verlag, 1955, S. 77 (3.11.1828)


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