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Zuführung der Hagar
  • Zuführung der Hagar
  • Bild
  • Joseph Wintergerst (3.10.1783 - 25.1.1867), Maler
  • 1809
  • Öl auf Leinwand
  • 87 x 68 cm
  • Ident.Nr. A III 477
  • 1962 Ankauf von Gustav Nittke, Dessau
  • Sammlung: Nationalgalerie | Alte Nationalgalerie
  • © Foto: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Andres Kilger
Beschreibung
Provenienz
Den jungen Lukasbrüdern waren Phrasenlosigkeit und Wahrheit eins. Die Suche nach dem ursprünglichen, naiven Ausdruck prägte auch die Kunst Joseph Wintergersts. »Still und bescheiden«, berichtet Franz Pforr in seinem Studienbericht, habe er von Anfang an »großen Sinn für das Erhabene der Kunst« gezeigt. Von Anfang an setzten »die Größe der Charaktere und die Würde des Ausdrucks«, die geradezu als michelangelesk empfunden wurde, seine Freunde in Erstaunen. Auf ihren Rat, sich der »Bearbeitung der Geschichte des Alten Testamentes« zu widmen, habe er »sogleich ein Bildchen angefangen: Abraham erhält sein Weib Sarah von dem egyptischen König Pharao zurück« (F. H. Lehr, Franz Pforr, der Meister des Lukasbundes, Marburg 1924, S. 40 und S. 324).
Die Szene in Wintergersts 1809 vollendetem Ölbild bezieht sich auf das erste Buch Mose: Abraham und Sarah leben bereits zehn Jahre im Lande Kanaan, und weil die Ehe, dem Segen Gottes (»Deinem Samen will ich dies Land geben«, 1. Mose 12, 7) zum Trotz, kinderlos bleibt, gibt Sarah ihrem Gemahl die ägyptische Magd Hagar zur zweiten Frau (1. Mose 16). Doch nach der Geburt von Hagars Sohn Ismael wird die inzwischen neunzigjährige Sarah den Isaak gebären, von dem sich der Stamm Israel herleitet, und erreichen, daß Hagar in die Wüste vertrieben wird. Ismael wird der Stammvater der zwölf (arabischen) Wüstenstämme (1. Mose 21 und 25). Wintergerst soll im Zusammenhang mit unserem Bild auch einen »Tod der Sarah« (Verbleib unbekannt) gemalt haben. Damit verschiebt sich der Akzent von Abraham auf dessen Frau, die im vorliegenden Bild die Mitte besetzt und deren innere Not so zum Thema wird.
Als Wintergerst Ende September 1809 nach München übersiedelte – als »unser erster Apostel, der ausgesandt ist« (Ludwig Vogel, zit. nach: Das Leben Ludwig Vogels, Kunstmaler von Zürich, Zürich 1881, S. 20) –, war diese älteste seiner wenigen bekannten Arbeiten vermutlich fertig. Deutlich erkennbar ist darin der für die Anfänge des Lukasbundes bestimmende Einfluß Eberhard Wächters: die Konzentration auf wenige kubisch bestimmte Gestalten von ungelenker Schwere, die Überdeutlichkeit der Inszenierung auf schmaler Bühne vor bildparallel abgeschirmtem Hintergrund. Unübersehbar ist auch die stilistische Ähnlichkeit mit Werken Pforrs und Friedrich Overbecks aus dem Jahr 1808, namentlich Overbecks »Christus und die Jünger in Emmaus« (Museum Behnhaus Drägerhaus, Lübeck). | Claude Keisch


SIGNATUREN UND INSCHRIFTEN
Bez. links unten: Wintergerst inv. et pinx 1809

AUSSTELLUNGEN
– Kunst der Goethezeit. "Classizismus und Romantizismus", Papenburg-Aschendorf, Gut Altenkamp, 8.5.-26.9.1999

LITERATUR
– Ausst.-Kat. Papenburg-Aschendorf 1999: "Classizismus und Romantizismus". Kunst der Goethezeit, hrsg. v. Birgit Verwiebe, Ausst.-Kat. Gut Altenkamp, Papenburg-Aschendorf 8.5.-26.9.1999, S. 100, Kat.-Nr. 36
– Grote 1972: Ludwig Grote, Joseph Sutter und der nazarenische Gedanke, München, Prestel, 1972, S. 82 f. mit Abb.
– Jensen 1967: Jens Christian Jensen, Das Werk des Malers Josef Wintergerst, in: Zeitschrift des deutschen Vereins für Kunstwissenschaft, 21, (1967), S. 21-58, S. 22-24, 54, Kat.-Nr. 1, Abb. S. 20; S. 21
– Lehr 1924: Fritz Herbert Lehr, Die Blütezeit romantischer Bildkunst. Franz Pforr, der Meister des Lukasbundes, Marburg, Verlag des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Marburg an der Lahn, 1924, S. 32-43, S. 40 und S. 324
– Nationalgalerie 1986: Die Gemälde der Nationalgalerie. Verzeichnis. Deutsche Malerei vom Klassizismus bis zum Impressionismus. Ausländische Malerei von 1800 bis 1930, bearb. v. Claude Keisch, Berlin (Ost), Die Museen, 1986, o. S.
– Nationalgalerie 1996: Die Gemälde der Nationalgalerie, München, Saur, 1996 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 1999: Gesamtverzeichnis der Gemälde und Skulpturen; Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, München, Saur, 1999 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 2017: Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie, hrsg. v. Angelika Wesenberg, Birgit Verwiebe und Regina Freyberger, Petersberg, Imhof, 2017, S. 922 mit Abb.
– Ruthenberg 1968: Vera Ruthenberg, Neuerwerbungen der Älteren Abteilung der Nationalgalerie von 1961-1967, in: Forschungen und Berichte, Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, 1968, S. 151-158, S. 154, Kat.-Nr. 7, Taf. 24,4
– Wesenberg 2001: Angelika Wesenberg und Eve Förschl (Hrsg.), Nationalgalerie Berlin. Das XIX. Jahrhundert. Katalog der ausgestellten Werke, Leipzig, Seemann, 2001, S. 459, Kat.-Nr. 539 mit Farbabb.


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