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Christus (Der Sämann)
  • Christus (Der Sämann)
  • Bild
  • Hans Adolf Bühler (4.7.1877 - 19.10.1951), Maler
  • 1910
  • Tempera auf Leinwand
  • 172 x 124 cm
  • Ident.Nr. A II 45
  • Sammlung: Nationalgalerie | Alte Nationalgalerie
  • © Foto: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
Description
Begonnen wurde das Bild in Rom, vollendet in Deutschland. Die urweltliche Berglandschaft des Hintergrundes ist vielleicht angeregt durch den Hotzenwald am Hochrhein, wo Bühler sich eine Zeitlang aufhielt. Die Saatkörner im Schoß des Sitzenden erschließen eine Bildsymbolik, die auf die Gleichnisse vom Sämann (Matthäus 13, 1–9, 18–32) zurückgeht: die Saat ist das Wort Christi. Die Sitzfigur leitet sich auf den ersten Blick von der alten Ikonographie des »Christus im Elend« ab, doch mit dem gewichtigen Unterschied, daß spezifische Attribute, Hinweise auf die Leidensgeschichte und die heilsgeschichtliche Bedeutung Christi fehlen. Selbst der geläufige Typus des Heilands ist ins Athletisch-Heroische umgeformt (wie schon in Michelangelos Weltgericht). Was bleibt, sind diffuse Erinnerungen an die religiöse Bilderwelt. Diese Auffassung setzt die auf Gedanken Ernest Renans und David Friedrich Strauß’ gegründete Loslösung von der traditionellen religiösen Ikonographie voraus. Die naturalistische Historisierung des biblischen Geschehens wird auf das Stimmungshafte reduziert und soll überkonfessionell ins Allgemeine gehoben werden. Die von den Bildrändern überschnittenen Flankenfiguren – trotz athletischer Bildung winzig gegenüber der mächtigen Hauptgestalt – könnten Wächter ebenso wie trauernde Jünger sein, noch eher aber vertreten sie hier die Menschheit: Der Samen der guten Lehre mag hier, im Sinne eines Vulgär-Nietzscheanismus, den Aufstieg zu einem heroischen Übermenschen vorbereiten. Darauf deuten die kubische Wucht des flächenfüllenden, raumsprengenden Heilbringers und der verquält-finstere Ernst seines Ausdrucks hin. Der bauernhafte Typus gibt den nationalen Akzent hinzu.
Um dieselbe Zeit malte Bühler den figurenreichen Prometheus-Fries für die Freiburger Universität, in welchem die gleiche Größenstaffelung zwischen Held und Volk zu finden ist. Ähnlich gedankenbelastete, dem Betrachter gegenübersitzende oder kauernde Figuren hat Bühler immer wieder gemalt. Ihrem Anspruch zum Trotz sind sie stets von einer ahnungsvollen Gemütsschwere und verharren in brütender Untätigkeit: ihre Vorläufer finden sich bei Johann Heinrich Füßli, William Blake oder den Düsseldorfer Spätromantikern. Das Bedürfnis nach einer ornamentalen Aufteilung der Bildfläche führt – hier bei den seitlichen Figuren – zu choreographischen Zwängen. Auf der Dresdner Kunstausstellung 1912 war das Bild in den Zusammenhang einer Sonderausstellung monumental-dekorativer Malerei einbezogen, für die man die Werke rahmenlos in die Wand eingelassen hatte, um den Freskocharakter zu unterstreichen. Auch Bühlers Entscheidung für Tempera statt für die Ölfarbe geht in diese Richtung. | Claude Keisch


SIGNATUREN UND INSCHRIFTEN
nicht bezeichnet

AUSSTELLUNGEN
– Große Kunstausstellung, Dresden, 1912
– Große Kunstausstellung, Dresden, 1912
– Hans Adolf Bühler, Frankfurt am Main , Jan. 1933

LITERATUR
– Ausst.-Kat. Dresden 1912: Große Kunstausstellung, Abteilung für momumental-dekorative Malerei, Ausst.-Kat. Dresden 1.5.-15.10.1912, Kat.-Nr. 1779, Taf. 2
– Beringer 1914: Joseph August Beringer, Hans Adolf Bühler, in: Die Kunst für Alle, 29. Jg. (1914), H. 9, S. 193-204, S. 202
– Busse 1931: Hermann Eris Busse, Hans Adolf Bühler, Karlsruhe, Müller, 1931, S. 52, Taf. S. 51
– Faißt 1917: Rudolf Faißt, Hans Adolf Bühler, ein deutsch-protestantischer Maler, in: Monatsschrift für Gottesdienst und kirchliche Kunst, 22. Jg. (1917), S. 123-135, S. 123
– Hoerth 1917: Otto Hoerth, Studien zu neueren badischen Künstlern: Hans Adolf Bühler, in: Badische Heimat, 3. Jg. (1917), S. 165-188, S. 173
– Nationalgalerie 1986: Die Gemälde der Nationalgalerie. Verzeichnis. Deutsche Malerei vom Klassizismus bis zum Impressionismus. Ausländische Malerei von 1800 bis 1930, bearb. v. Claude Keisch, Berlin (Ost), Die Museen, 1986, o. S.
– Nationalgalerie 1996: Die Gemälde der Nationalgalerie, München, Saur, 1996 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 1999: Gesamtverzeichnis der Gemälde und Skulpturen; Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, München, Saur, 1999 (CD-ROM)
– Schumann 1912: Paul Schumann, Die momumental-dekorative Malerei auf der Großen Kunstausstellung Dresden 1912, in: Die Kunst für Alle, 28. Jg. (1912), H. 2, S. 25-44, S. 38 f., Abb. S. 43
– Thieme/Becker 1907-1950: Ulrich Thieme und Felix Becker, Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Leipzig, Engelmann, 1907-1950, Bd. 5, 1911, S. 190
– WVZ Soltani 2016: Christina Soltani, Leben und Werk dees Malers Hans Adolf Bühler (1877-1951). Zwischen symbolistischer Kunst und völkischer Gesinnung, Weimar, VDG, 2016, S. 143-144, Abb. 41, WV 204


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