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Der wilde Jäger
  • Der wilde Jäger
  • Bild
  • Rudolf Friedrich August Henneberg (13.9.1825 - 14.9.1876), Maler
  • 1856
  • Öl auf Leinwand
  • 134 x 340 cm
  • Ident.Nr. A I 233
  • 1876 Ankauf von Frau A. Kleinfelder, Paris, und deren Tochter
  • Sammlung: Nationalgalerie | Alte Nationalgalerie
  • © Foto: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Andres Kilger
Beschreibung
Provenienz
In der ›Landsknechtzeit‹, der düsteren Kehrseite der ›Dürerzeit‹, die vom frommen ›Mittelalter‹ der Nazarener weit entfernt war, siedelten deutsche Nachromantiker dramatisch bewegte, koloristisch effektreiche Bilder von Leidenschaft, Tod und Verdammnis an, in denen sich deutsche Tradition und das Vorbild Delacroix’, aber auch die belgische Malerei kreuzen. Henneberg und sein Freund Gustav Spangenberg vertreten diese Richtung wohl am eindrucksvollsten.
Die große Ballade von Gottfried August Bürger »Der wilde Jäger« (1786) setzt furios mit den Zeilen ein: »Der Wild- und Rheingraf stieß ins Horn; / Hallo, Hallo zu Fuß und Roß! / Sein Hengst erhob sich wiehernd vorn; / Laut rasselnd stürzt ihm nach der Troß;/ Laut klifft und klafft es, frei vom Koppel, / Durch Korn und Dorn, durch Heid und Stoppel.« Dem Grafen, der die Heilige Messe versäumt, um einem Sechzehnender nachzujagen, haben sich zwei Reiter angeschlossen: sein guter Geist, der ihn zurückzuhalten versucht, und der Geist der Versuchung. Bauern, deren Ernte zerstört wird, flehen vergebens um Erbarmen, von den berittenen Begleitern stürzen einige in den Tod: »Laß stürzen! Laß zur Hölle stürzen! / Das darf nicht Fürstenlust verwürzen.« Schließlich aber wird der Graf selbst in einem Raum ohne Ton und ohne Bewegung stehen, von dem aus er in die Hölle stürzt. »Das ist des wilden Heeres Jagd, / Die bis zum Jüngsten Tage währt, / Und oft dem Wüstling noch bei Nacht / Zu Schreck und Graus vorüberfährt […].«
Der Text, den Henneberg in Braunschweig kennengelernt hatte, soll ihn, so berichtete Hennebergs Freund Wilhelm Bode, derart gepackt haben, »daß er eine Zeit lang ganz davon erfüllt war«, bis er die Komposition »in wenigen Tagen in einer großen Skizze niederschrieb, um dann sofort und mit aller Energie an die Ausführung des großen Bildes zu gehen; im Frühjahr 1856 hatte es der Künstler vollendet« (W. Bode, Rudolf Henneberg, in: Die graphischen Künste, Bd. 28, 1895, S. 51).
Auf dem Pariser Salon von 1857 erhielt das Bild eine Goldene Medaille. Der Dichter Théophile Gautier würdigte in seiner Rezension des Salons die leidenschaftliche Bewegtheit der Komposition und das warme Kolorit, das er mit Delacroix verglich, unterstrich aber auch die soziale Komponente: den in Bürgers Ballade ausgedrückten Haß des Bauern auf das Jagdprivileg des Feudaladels. Menzel urteilte: »in der Conception ein tolles, zum Theil vortreffliches Ding […] es ist noch viel Delacroix, Couture sogar etwas Führich darin« (Adolph Menzel, Briefe, Bd. 2, Berlin 2009, S. 489). Der Hinweis auf Führich bezieht sich auf den wohl bedeutsamsten thematischen Vorgänger: den lithographierten Illustrationszyklus zu Bürgers Ballade, erschienen 1827.
Der Erfolg des Werkes hielt an. Schon 1857 bestellte Baron Schack in München eine wesentlich kleinere Zweitfassung (Sammlung Schack, München), und noch 1871 entstand eine Wiederholung für einen Berliner Kunstliebhaber (Verbleib unbekannt). | Claude Keisch


SIGNATUREN UND INSCHRIFTEN
Bez. links unten: R. Henneberg. 1856

AUSSTELLUNGEN
– Berliner akademische Kunstausstellung, Berlin, Akademie, 1856
– Salon, Paris, 1857
– Deutsche allgemeine und historische Kunstausstellung, München, 1858
– Kunstverein Hannover, Hannover, 1862
– Exposition universelle, Paris, 1.4.-31.10.1867
– Werke von Rudolf Henneberg, Wilhelm Schirmer, Hugo Harrer. 3. Ausstellung in den oberen Räumen der Königlichen National-Galerie zu Berlin, Berlin, Königliche National-Galerie, 22.3.-12.5.1877

LITERATUR
– Ausst.-Kat. Berlin 1877: Werke von Rudolf Henneberg, Wilhelm Schirmer, Hugo Harrer, hrsg. v. Max Jordan, Ausst.-Kat. Königliche National-Galerie zu Berlin 22.3.-12.5.1877, Kat.-Nr. 84
– Ausst.-Kat. Leipzig 2015: Eugène Delacroix und Paul Delaroche. Geschichte als Sensation, hrsg. v. Hans-Werner Schmidt und Jan Nicolaisend, Ausst.-Kat. Museum der Bildenden Künste Leipzig 11.10.2015-17.1.2016, S. 100, Abb. 5
– Bode 1895: Wilhelm von Bode, "Rudolf Henneberg", in: Die graphischen Künste, hrsg. v. Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst, Bd. XVIII, 1895, S. 45-62, hier S. 51 f.
– Boetticher 1891: Friedrich Boetticher, Malerwerke des 19. Jahrhunderts, Leipzig, Schmidt & Günther, 1891, Bd. I, 2, S. 521, Kat.-Nr. 5
– Gautier 1857: Théophile Gautier, Les Expositions de Paris (Salon de 1857), Paris 1857
– Gautier 1859: Théophile Gautier, Les Expositions de Paris, Salon de 1857. Cinquante planches gravées et lithographiées, Paris 1859
– Hamann 1925: Richard Hamann, Die deutsche Malerei vom 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, Leipzig, Berlin, Teubner, 1925, S. 244 mit Abb.
– Jordan 1878: Beschreibendes Verzeichniß der Kunstwerke in der Königlichen National-Galerie zu Berlin, hrsg. von Max Jordan, Berlin: Mittler & Sohn, 1878, 4., neu bearbeitete Auflage. Auflage, S. 128; Kat.-Nr. 423
– Keisch 1995: Claude Kleisch, "Die Jagd nach dem Glück". Salonromantik vom altdeutschen Gewand. Rudolf Henneberg und Bode, in: Wilhelm von Bode als Zeitgenosse der Kunst, Zum 150. Geburtstag,Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, 1995
– Nationalgalerie Kataloge 1876: Beschreibendes Verzeichniß der Kunstwerke in der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Katalog der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Verzeichnis der Gemälde und Skulpturen in der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Verzeichnis der Gemälde und Bildwerke in der National-Galerie zu Berlin, Berlin, 1878-1914, Kat.-Nr. 423
– Nationalgalerie 1986: Die Gemälde der Nationalgalerie. Verzeichnis. Deutsche Malerei vom Klassizismus bis zum Impressionismus. Ausländische Malerei von 1800 bis 1930, bearb. v. Claude Keisch, Berlin (Ost), Die Museen, 1986, o. S.
– Nationalgalerie 1996: Die Gemälde der Nationalgalerie, München, Saur, 1996 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 1999: Gesamtverzeichnis der Gemälde und Skulpturen; Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, München, Saur, 1999 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 2017: Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie, hrsg. v. Angelika Wesenberg, Birgit Verwiebe und Regina Freyberger, Petersberg, Imhof, 2017, S. 348 mit Abb.
– Riegel 1877: Hermann Riegel, Kunstgeschichtliche Vorträge und Aufsätze, Braunschweig, C. Westermann, 1877, S. 374-376
– Riegel 1877: Herman Riegel, Rudolf Henneberg, in: Kunstgeschichtliche Vorträge und Aufsätze, Braunschweig, Claus Westermann, 1877, S. 383
– Rosenberg 1879: Adolf Rosenberg, Die Berliner Malerschule. 1819-1879. Studien und Kritiken, Berlin, Ernst Wasmuth, 1879, S. 204-205
– Wolff 1914: Hans Wolff (Hrsg.), Adolph von Menzels Briefe, Berlin 1914, S. 172
– Zentralarchiv SMPK, Acta Spec. Henneberg (Briefwechsel Max Jordan - Frau A. Kleinfelder, 1876-77)


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