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Am Kamin
  • Am Kamin
  • Bild
  • Adolph Menzel (8.12.1815 - 9.2.1905), Maler
  • 1876
  • Öl auf Leinwand
  • 29 x 23 cm
  • Ident.Nr. FNG 94/03
  • 2003 Ankauf durch den Verein der Freunde der Nationalgalerie
  • Erworben durch die Freunde der Nationalgalerie
  • Sammlung: Nationalgalerie | Alte Nationalgalerie
  • © Foto: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Andres Kilger
Description
Provenienz
Menzels späte historische Darstellungen – stets in Kabinett-Formaten und viel öfter in Gouache als in Ölfarben ausgeführt – sind wieder, wie die allerersten (vgl. »Der Gerichtstag«, Nationalgalerie, Inv.-Nr. A I 896) im Alltag des 17. Jahrhunderts angesiedelt. Ihre anekdotische, nicht selten satirisch akzentuierte Handlung folgt keiner historischen oder literarischen Vorlage. Im Vergleich zu Gesellschaftsstücken des holländischen ›Goldenen Zeitalters‹ zeigt sich eine viel analytischere, individuellere, momentanere Schilderung der Charaktere.
Unschwer zu deuten ist die Kaminszene mit ihrer im Halbdunkel zwischen den Kulissen von Kamin und Sesselkante gezwängten, bis in die vorderste Bildebene vorstoßenden Figurengruppe. Der ursprüngliche Titel lautete »Überrumpelung«, und man errät, daß das ängstlich hinter die Sessellehne zurückweichende Fräulein verheiratet werden soll. Die Mutter redet heftig auf ihren zögernden Gatten ein, dessen schräg in den Vordergrund eingelagerte Silhouette irritierenderweise aus einer Hauptfigur zu einer anonymen Grenzbezeichnung wird. Der offenbar ungeliebte Bräutigam stochert mit dem Schüreisen im Kamin. Ist er ein Bürger, der in den Adel hineinheiraten will? In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges kann sich das neureiche Großunternehmertum der Gründerzeit wiedererkennen.
Dieser ironische Bezug zur Gegenwart spiegelt sich werkimmanent in einer dem »Eisenwalzwerk« (1872–1875, Nationalgalerie, Inv.-Nr. A I 201) verwandten malerischen Aufgabe: dem Wechsel von kühler zu warm-roter Farbstimmung. Während von dem altertümlichen Butzenfenster, welches das Außenlicht rot und gelb filtert, wenigstens ein Stück sichtbar wird, bleiben die zwei wesentlichen Lichtquellen unsichtbar: das in seinem roten Widerschein erkennbare Kaminfeuer und, in scharfem Farbkontrast dazu, das Tageslicht, das von rechts aus einem nahen Fenster (außerhalb des Bildes) einfällt. Es trifft auf Kragen und Kleidung der Damen, während sich am weißen Kragen des Herrn am Kamin der Übergang aus der einen in die andere Beleuchtungssituation vollzieht. Aufs sparsamste und zarteste tritt im zwiefarbenen Gegenlicht des Hintergrundes der Diener aus der rotbraunen Untertuschung heraus. So läßt sich das Bildchen auch als ein travestierender Nachtrag zum »Eisenwalzwerk« lesen. | Claude Keisch


SIGNATUREN UND INSCHRIFTEN
Bez. den linken Bildrand entlang: A. Menzel 1876

AUSSTELLUNGEN
– Menzelausstellung, Berlin, Galerie Rudolph Lepke, 1876
– Berliner Akademie-Ausstellung, Berlin, Akademie der Künste, 1877
– Internationale Kunstausstellung, Düsseldorf, Städtischer Kunstpalast, 1.5.-23.10.1904
– Ausstellung von Werken Adolph von Menzels 1905, Berlin, Königliche National-Galerie, 1905
– Deutsche Malerei. Ausgewählte Meister seit Caspar David Friedrich, Wolfsburg, Oberschule, 15.4.-13.5.1956
– Adolph Menzel. Gemälde und Zeichnungen, Erlangen, Stadt Erlangen und Sammlung Georg Schäfer, Schweinfurt, im Alten Rathaus Erlangen, 31.10.-30.11.1971
– Adolph Menzel, 1815-1905. Das Labyrinth der Wirklichkeit, Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie im Alten Museum, 7.2.-11.5.1997

LITERATUR
– Ausst.-Kat. Berlin 1877: 51. Kunstausstellung der Königlichen Akademie der Künste. Verzeichniß der Werke lebender Künstler, Ausst.-Kat. Akademie der Künste, Berlin, 1877, S. 35, Kat.-Nr. 492
– Ausst.-Kat. Berlin 1905: Ausstellung von Werken Adolph von Menzels 1905, Ausst.-Kat. Königliche Nationalgalerie Berlin 1905, Kat.-Nr. 50
– Ausst.-Kat. Berlin 1997: Adolph Menzel 1815-1905. Das Labyrinth der Wirklichkeit, hrsg. v. Claude Keisch und Marie Ursula Riemann-Reyher, Ausst.-Kat. Musée d'Orsay, Paris 15.4.-28.7.1996; National Gallery of Art, Washington 15.9.1996-5.1.1997; Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie im Alten Museum 7.2.-11.5.1997, S. 298 f., Kat.-Nr. 166, Farbtaf. S. 300
– Ausst.-Kat. Düsseldorf 1904: Internationale Kunstausstellung, Ausst.-Kat. Düsseldorf, Städtischer Kunstpalast, 1.5.-23.10.1904, Kat.-Nr. 17
– Ausst.-Kat. Erlangen 1971: Adolph Menzel. Gemälde und Zeichnungen, Ausst.-Kat. Altes Rathaus, Erlangen, 31.10.-30.11.1971, Kat.-Nr. 91
– Ausst.-Kat. Paris 1996: Adolph Menzel, 1815-1905, "la névrose du vrai", hrsg. v. Claude Keisch und Marie Riemann-Reyher, Ausst.-Kat. Musée d'Orsay, Paris 15.4.-28.7.1996; National Gallery of Art, Washington 15.9.1996-5.1.1997; Alte Nationalgalerie, Berlin 7.2.-11.5.1997, S. 394 f., Kat.-Nr. 166, Farbtaf. S. 396
– Ausst.-Kat. Wolfsburg 1956: Deutsche Malerei. Ausgewählte Meister seit Caspar David Friedrich, Ausst.-Kat. Wolfsburg, 15.4.-13.5.1956, Kat.-Nr.128
– Duranty 1880: Edmond Duranty, Adolphe Menzel, in: Gazette des Beaux-Arts, 2. Folge, Bd. 22, 1880/II, S. 105-124, S. 112, 114 f., Taf. bei S. 206 [Radierung von Paul Le Rat]
– Nationalgalerie 2017: Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie, hrsg. v. Angelika Wesenberg, Birgit Verwiebe und Regina Freyberger, Petersberg, Imhof, 2017, S. 608 mit Abb.
– Pietsch 1877: Ludwig Pietsch, Menzel-Photographien, II. Teil, in: Schlesische Zeitung, 23.2.1877
– Wirth 1990: Irmgard Wirth, Berliner Malerei im 19. Jahrhundert. Von der Zeit Friedrichs des Großen bis zum Ersten Weltkrieg, Berlin, Siedler, 1990, S. 294, Abb. 368
– WVZ Tschudi 1905: Hugo von Tschudi, Adolph von Menzel. Abbildungen seiner Gemälde und Studien, München, Bruckmann, 1905, Abb. 146


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