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Das Gastmahl (nach Plato), zweite Fassung
  • Das Gastmahl (nach Plato), zweite Fassung
  • Bild
  • Anselm Feuerbach (12.9.1829 - 4.1.1880), Maler
  • 1871-1873/1874
  • Öl auf Leinwand
  • 400 x 750 cm
  • Ident.Nr. A I 279
  • 1878 Ankauf vom Künstler auf Anregung des Kunstschriftstellers Conrad Fiedler
  • Sammlung: Nationalgalerie | Alte Nationalgalerie
  • © Foto: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Klaus Göken
Description
Daß die »Classizität«, die ihm »mit der Muttermilch eingetränkt« worden war, »auf menschlich Wahres und Großes gerichtet« sei, habe sein Leben »zu einem hoffnungslosen Kampfe gegen meine Zeit« gestaltet, meinte Feuerbach (Anselm Feuerbach, Vermächtnis, hrsg. von D. Kupper, Berlin 1992, S. 24). Seine Kompositionen um Hafis, Dante, Ariost sind Wunschbilder einer geistigen Kultur, die sich mit der Menschheit in Einklang befindet. »Das Gastmahl« inszeniert die Fragwürdigkeit des Ideals.
Den Gegenstand – einem philosophischen Dialog von Plato entnommen – hat Henriette Feuerbach so zusammengefaßt: »Den Sieg des preisgekrönten Tragödiendichters Agathon zu feiern, sind in seinem Hause die Freunde versammelt, unter ihnen Socrates [sic!], Aristophanes, Eryximachos, Phädros und Glaukon [sic!]. Während sie sich nach dem Mahl in sinnvollen und heiteren Wechselreden ergehen über die Natur des mächtigsten und herrlichsten der Götter, des Eros, erscheint, von nächtlichem Feste heimkehrend, in bacchischem Geleite der wein- und lustberauschte Alkibiades. Er kommt, den Dichter zu bekränzen, welcher ihm freundlichen Willkomm bietet« (zit. nach: Um Anselm Feuerbachs Gastmahl, Ausst.-Kat., Berlin 1992, S. 7). Nach dem gloriosen Auftritt des jungen Feldherrn wird das Thema des Abends, die Liebe, auch auf das Verhältnis zwischen Alkibiades und seinem Lehrer Sokrates bezogen und dessen Person schließlich als Verkörperung des geistigen Eros gefeiert.
Die überstreckte Bildfläche wird von einer bühnenhaften Architektur gegliedert. Rechts gruppieren sich die Philosophen – in ihrer Mitte, unauffällig, das abgewandte verschattete Profil des Sokrates im Gespräch mit dem Arzt Eryximachos. Den Liegenden hat man früh als Aristophanes, den in der Mitte Sitzenden als Plato selbst identifiziert. Den Denkern in ihren schweren Gewändern tritt die halbnackte, festlich berauschte Jugend entgegen, Nacht und Fackelschein dringen in das morgengraue Gemach ein. Zwischen den Gegensätzen vermag der edel drapierte Hausherr mit dem zögernd vorgestreckten Begrüßungspokal nicht zu vermitteln.
In einem Stich von Pietro Testa (1648) war der Stoff vorgeprägt. Die vielleicht seit 1856 erwogene Komposition wurde seit 1860 vorbereitet, 1865 war der Entwurf zur ersten Fassung fertig. Von 1867 bis 1869 malte Feuerbach, was ihm »riesengroß in der Phantasie erwachsen« war, »als eine monumentale Tat, welche vielleicht mehr, wie jedes andere Bild, mein künstlerisches Ich zu meinem eigenen und zum Bewußtsein der Welt bringen muß« (J. Allgeyer, Anselm Feuerbach. Zweite Auflage der Originalbriefe, Bd. 2, Berlin 1904, S. 478). Mit gespaltenem Erfolg in München ausgestellt, ging es dennoch sofort in Privatbesitz über (heute in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe). Zwei Jahre später wurde die zweite Fassung in Angriff genommen und nach Feuerbachs Niederlassung in Wien dort im wesentlichen bis Ende 1873 vollendet. Während die figürlichen Teile weitestgehend beibehalten wurden, war jetzt die Absicht, im Sinne einer neuen Kultur »Geist und Phantasie laufen [zu] lassen in Bereicherungen und Pracht« bis zu echten Vergoldungen hin, Gesimse, Reliefs, Kapitelle auszuschmücken, Leerstellen durch Blumenkränze zu füllen und dabei die Farbigkeit zu steigern, wärmer und bunter zu halten (Anselm Feuerbachs Briefe an seine Mutter, Bd. 2, Berlin 1911, S. 2545). Das Wichtigste: ein illusionistisch gemalter Rahmen kam hinzu.
Lange stand die zweite Fassung im Schatten der ersten: An dieser gemessen, galt ihre Pracht als ein Zugeständnis an den Geschmack der Gründerzeit. Doch die Bereicherungen stehen alle sinnvoll unter dem Zeichen des Dionysos, dessen Lebensmacht Nietzsche um dieselbe Zeit in der »Geburt der Tragödie« beschwor. Auf den Gott und auf den Opferkult spielen die Theatermasken, die Bukranien, die Frucht- und Blumenkränze an; die Muscheln sind erotische Symbole; die Figur des Alkibiades ist antiken Gestaltungen des trunkenen Dionysos, die mit Weinlaubkränzen und Leopardenfellen geschmückten Frauen sind den Mänaden nachempfunden. Zugleich ist Alkibiades-Dionysos eine Identifikationsfigur Feuerbachs und jenes Traumes von Vitalität, den auch die parallel vollendete »Amazonenschlacht« (Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg) verkörpert. Doch der theatralische Triumph des Lebens vollzieht sich in einer trügerischen Bildwelt. Teile des prächtigen gemalten Rahmens überschneiden die Komposition; doch wenn umgekehrt die über der Bodenvase hängende Draperie auf den Rahmen übergreift, wird die Abgrenzung des Bildinneren und damit die Logik des Bildes fraglich. Der Künstler als Gaukler: Auch diese moderne Vorstellung entwickelte Nietzsche, und mit ihr verklärte Feuerbach die Gespaltenheit seiner sozialen Rolle. Kündigte er nicht in einem Atemzug an, »daß das große Bild eine Revolution hervorrufen wird und ich ein reicher Mann werde« (Anselm Feuerbachs Briefe an seine Mutter, Bd. 2, Berlin 1911, S. 263)? | Claude Keisch


SIGNATUREN UND INSCHRIFTEN
Bez. links unten (am gemalten Rahmen): AFEUERBACH. R. 73. [AF ligiert]

AUSSTELLUNGEN
– Österreichischer Kunstverein, Februar 1874
– Glaspalast, München 1, München, 1876
– Jahrhundert-Ausstellung, Ausstellung deutscher Kunst aus der Zeit von 1775-1875, Berlin, Königliche National-Galerie, Jan. - Mai 1906
– Deutsche Kunst 19. und 20. Jahrhundert, Berlin (Ost), Staatliche Museen zu Berlin, National-Galerie und Altes Museum, Juli - Sept. 1966
– Um Anselm Feuerbachs "Gastmahl", Berlin, Alte Nationalgalerie, 15.7.-13.9.1992
– Im Tempel der Kunst. Die Künstlermythen der Deutschen, Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie, 1.10.2008-18.1.2009

LITERATUR
– Ahlers-Hestermann 1946: Friedrich Ahlers-Hestermann, Anselm Feuerbach, Das Gastmahl des Plato, Berlin, Mann, 1946
– Allgeyer 1904: Julius Allgeyer (Hrsg.), Anselm Feuerbach. Auf Grund der zum erstenmal benützten Original-Briefe und Aufzeichnungen des Künstlers. Aus dem Nachlasse des Verfassers, Göttingen 1904, 2. Aufl., Bd. 2, S. 478
– Ausst.-Kat. Berlin 1906: Ausstellung deutscher Kunst aus der Zeit von 1775-1875 in der Königlichen Nationalgalerie, hrsg. v. Hugo von Tschudi, Ausst.-Kat. Königliche Nationalgalerie, Berlin 1.-5.1906, Bd. 2, S. 148, Kat.-Nr. 484 mit Abb.
– Ausst.-Kat. Berlin 1961: Gemälde Bildwerke Zeichnungen. Bildband 1, hrsg. v. Martin Ohlsberg, Ausst.-Kat. Berlin 1961, o. S., Taf. 31
– Ausst.-Kat. Berlin 1966: Deutsche Kunst 19.-20. Jahrhundert, Ausst.-Kat. Altes Museum, Berlin 1966, S. 229, Abb. 19
– Ausst.-Kat. Berlin 1992: Um Anselm Feuerbachs "Gastmahl", hrsg. v. Claude Keisch, Ausst.-Kat. Alte Nationalgalerie, Berlin, 15.7.-13.9.1992, S. 106, Kat.-Nr. 119, Farbtaf. S. 28/29
– Ausst.-Kat. Berlin 2008: Im Tempel der Kunst. die Künstlermythen der Deutschen, hrsg. v. Bernhard Maaz, Ausst.-Kat. Alte Nationalgalerie, Berlin 1.10.2008-18.1.2009, S. 129, 156, Kat. 102, Farbabb. S. 129
– Ausst.-Kat. Bremen 1999: Von Caspar David Friedrich bis Manet. Meisterwerke der Nationalgalerie Berlin, hrsg. v. Bernhard Maaz, Ausst.-Kat. Kunsthalle Bremen 14.8.-24.10.1999, S. 11, Abb. 7
– Ausst.-Kat. Speyer 2002: Anselm Feuerbach, Ausst.-Kat. Historisches Museum der Pfalz, Speyer, 15.9.-19.1.2003, S. 194 mit Abb.
– Boetticher 1891: Friedrich Boetticher, Malerwerke des 19. Jahrhunderts, Leipzig, Schmidt & Günther, 1891, Bd. I, 1, S. 317, Kat.-Nr. 162
– Christoffel 1944: Ulrich Christoffel, Anselm Feuerbach, München, Bruckmann, 1944
– Claude Keisch 1992: Claude Keisch, Anselms Feuerbachs "Gastmahl". Seine Vorstufen und Quellen, in: Museumsjournal, 6. Jg. (1992), H. 3, S. 80 f.
– Eisler 1996: Colin Eisler, Masterworks in Berlin. A City's Paintings Reunited. Painting in the Western World 1300-1914, Boston, Little, Brown and Co., 1996, S. 648, Farbabb. S. 586
– Feuerbach 1911: Anselm Feuerbach, Briefe an seine Mutter aus dem Besitz der Königlichen National-Galerie zu Berlin, hrsg. v. Guido Josef Kern und Hermann Uhde-Bernays, Berlin, Meyer & Jessen, 1911, Bd. II, S. 254 f. und 262 f.
– Hamann 1925: Richard Hamann, Die deutsche Malerei vom 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, Leipzig, Berlin, Teubner, 1925, S. 325 ff., Abb. S. 327
– Hamann/Hermand 1965: Richard Hamann und Jost Hermand (Hrsg.), Gründerzeit, Berlin, Akademie-Verlag, 1965, Taf. S. 264
– Hütt 1986: Wolfgang Hütt, Deutsche Malerei und Graphik 1750-1945, Berlin, Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, 1986, S. 222, Abb. 290, S. 213
– Jahrbuch Berliner Museen 1959: Jahrbuch der Berliner Museen [ehem. Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen], Berlin, Mann, 1959ff., 41. Band, 1999, Beiheft, S. 51, Abb. 23
– Jordan 1883: Max Jordan (Hrsg.), Katalog der Königlichen National-Galerie zu Berlin. Fest-Ausgabe. Zum 25. Januar 1883, Berlin, Mittler & Sohn, 1883, S. 180 f., Kat.-Nr. 452
– Justi 1932: Ludwig Justi, Von Runge bis Thoma. Deutsche Malkunst im 19. und 20. Jahrhundert. Ein Gang durch die National-Galerie, Berlin, Bard, 1932, S. 181 f.
– Keisch 2005: Die Alte Nationalgalerie Berlin, hrsg. v. Claude Keisch, London, Beck, Scala, 2005, S. 98, Kat.-Nr. 107 mit Farbabb. und Farbtaf. S. 88 (Detail)
– Maaz 1996: Bernhard Maaz (Hrsg.), Alte Nationalgalerie Berlin, München, New York, Prestel, 1996, S. 78 f., Kat.-Nr. 100 mit Farbabb.
– Maaz 2001: Gisela Holan, Bernhard Maaz, Andres Kilger, Die Alte Nationalgalerie. Geschichte, Bau und Umbau, Berlin, G & H, 2001, Farbtaf. 226 und 227, S. 193 f.
– Museumsjournal: Museumsjournal. Berichte aus den Museen, Schlössern und Sammlungen in Berlin und Potsdam, Berlin, 6. Jg., Juli 1992, Nr. III, S. 80 f. mit Farbabb.
– Museumsjournal: Museumsjournal. Berichte aus den Museen, Schlössern und Sammlungen in Berlin und Potsdam, Berlin, 12. Jg., 1998, Nr. I, S. 42 f., Farbabb. S. 43
– Muthmann 1951: Ferdinand Muthmann, Alkibiades und Agathon. Über die antiken Grundlagen von Anselm Feuerbachs Gastmahl des Plato, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte, XIV. Jg. (1951), S. 97
– Nationalgalerie Kataloge 1876: Beschreibendes Verzeichniß der Kunstwerke in der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Katalog der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Verzeichnis der Gemälde und Skulpturen in der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Verzeichnis der Gemälde und Bildwerke in der National-Galerie zu Berlin, Berlin, 1883-1934, Kat.-Nr. 452
– Nationalgalerie 1986: Die Gemälde der Nationalgalerie. Verzeichnis. Deutsche Malerei vom Klassizismus bis zum Impressionismus. Ausländische Malerei von 1800 bis 1930, bearb. v. Claude Keisch, Berlin (Ost), Die Museen, 1986, o. S., Taf. 92, Farbtaf. XIV
– Nationalgalerie 1996: Die Gemälde der Nationalgalerie, München, Saur, 1996 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 1999: Gesamtverzeichnis der Gemälde und Skulpturen; Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, München, Saur, 1999 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 2017: Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie, hrsg. v. Angelika Wesenberg, Birgit Verwiebe und Regina Freyberger, Petersberg, Imhof, 2017, S. 236 mit Abb.
– Paul-Pescatore 1939: Anni Paul-Pescatore, Anselm Feuerbach. Briefe an die Mutter, Berlin, Königsberg, Leipzig, Kanter, 1939
– Rave 1949: Paul Ortwin Rave, Deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts, Berlin, Mann, 1949, S. 234, Taf. 181
– Schmid 1904-1906: Max Schmid, Kunstgeschichte des XIX. Jahrhunderts, Leipzig, Seemann, 1904-1906, Bd. 2, 1906, S. 205, Abb. 162
– Schuster 2001: Peter-Klaus Schuster (Hrsg.), Die Nationalgalerie, Köln, DuMont, 2001, S. 131 mit Farbtaf., vgl. Farbabb. S. 422
– Uhde-Bernays 1913: Hermann Uhde-Bernays, Feuerbach. Des Meisters Gemälde in 200 Abbildungen, Stuttgart, Berlin, Deutsche Verlagsanstalt, 1913, Taf.
– Voigtländer 1912: Emmy Voigtländer, Anselm Feuerbach. Versuch einer Stilanalyse, Leipzig, Seemann, 1912, S. 59-69
– Wesenberg 2001: Angelika Wesenberg und Eve Förschl (Hrsg.), Nationalgalerie Berlin. Das XIX. Jahrhundert. Katalog der ausgestellten Werke, Leipzig, Seemann, 2001, S. 129-131, Kat.-Nr. 138, Farbabb. S. 130
– With 1986: Christopher B. With, The Prussian Landeskunstkommission 1862-1911. A Study in State Subvention of the Arts, Berlin, Gebrüder Mann, 1986, S. 64-67, Abb. 65
– WVZ Allgeyer 1904: Julius Allgeyer, Anselm Feuerbach, Berlin, Stuttgart, Spemann, 1904, 2. Aufl., Bd. 2, S. 542, Kat.-Nr. 557
– WVZ Ecker 1991: Jürgen Ecker, Anselm Feuerbach. Leben und Werk. Kritischer Katalog der Gemälde, Ölskizzen und Ölstudien, München, Hirmer, 1991, S. 325 f., Kat.-Nr. 489
– WVZ Uhde-Bernays 1929: Hermann Uhde-Bernays, Anselm Feuerbach. Katalog seiner sämtlichen Gemälde, München, Bruckmann, 1929, Kat.-Nr. 317, Abb. 264
– Zimmermann 1978: Anselm Feuerbach, Gemälde und Zeichnungen aus der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, bearb. v. Werner Zimmermann, Karlsruhe, Müller, 1978, 2. Aufl., Taf. S. 47


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