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Lützows Freischar vor dem Kampf
  • Lützows Freischar vor dem Kampf
  • Bild
  • Hans Kohlschein (5.3.1879 - 1948), Maler
  • 1904
  • Öl auf Leinwand
  • 250 x 400 cm
  • Ident.Nr. A I 886
  • 1905 Ankauf aus der Großen Berliner Kunstausstellung
  • Sammlung: Nationalgalerie | Alte Nationalgalerie
  • © Foto: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
Beschreibung
Noch während seines Studiums an der Düsseldorfer Akademie erhielt Hans Kohlschein den ersten Auftrag für die Ausmalung eines repräsentativen Sitzungssaals. Monumentale Figurenbilder, meist zu Szenen der deutschen Geschichte, stellten seitdem einen Schwerpunkt in seinem Schaffen dar. Der napoleonische Befreiungskrieg beschäftigte ihn mehrfach. Es war ein Thema, das im Zuge des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 an neuer Bedeutung gewonnen hatte. Der Düsseldorfer Maler Arthur Kampf, dem Kohlschein in seiner lockeren Malweise und den eher kantigen Gesichtern künstlerisch nahesteht, hatte in den 1880er Jahren bereits verschiedene Gemälde zu diesem Thema geliefert. Im Jahre 1900, etwa gleichzeitig zur Grundsteinlegung des Leipziger Völkerschlachtdenkmals, schrieb die Verbindung für historische Kunst einen Wettbewerb zur Förderung des vaterländischen Geschichtsbildes aus. Kohlschein beteiligte sich mit einem Entwurf zur Schlacht bei Katzbach. Er gewann den ersten Preis. Das schließlich 1902 vollendete Bild wurde sodann unter dem Titel »Schlesische Landwehr bei Waterloo« auf der Deutsch-Nationalen Kunstausstellung in Düsseldorf gezeigt und für die Nationalgalerie angekauft (Inv.-Nr. A III 572). Es sei, so Paul Clemen, »von grosser Kraft und einem hohen künstlerischem Ernst Zeugnis ablegend. Wie eine Sturmwelle flutet die Landwehr, unaufhaltsam vorwärts getrieben, über die niedere Bodenerhebung, aus dem Nebel löst sich die zweite Welle los« (Die Kunst für Alle, 17. Jg., 1902, H. 24, S. 561). In der Tat ist es gerade diese Vorwärtsbewegung der Soldaten, die den Gesamteindruck des Gemäldes nachhaltig bestimmt und hinter der jegliches erzählerische Moment zurücktritt. Selbst das dargestellte Schlachtfeld ist nur angedeutet, bleibt ein ödes, austauschbares Niemandsland, über das sich der mit breitem Pinsel getupfte, trist verhangene Himmel spannt. Kohlscheins Interesse galt denn auch nicht der heldenhaften Schlacht per se, sondern der Psychologie dahinter: In den Gesichtern der Soldaten spiegeln sich Verwegenheit, Entschlossenheit, Resignation, vor allem aber Terror und Entsetzen. Bildthema ist die Dynamik dieser panisch vorwärtsstürmenden Menschenmenge, die, einmal in Bewegung geraten, nicht mehr zu bändigen ist.
Als Variation desselben Themas malte Kohlschein zwei Jahre später das Bild »Lützows Freischar vor dem Kampf« (Nationalgalerie, Inv.-Nr. A I 886), in dem die nun berittene Menschenmenge – auf den Befehl des Angriffs wartend – gerade noch unter Kontrolle ist. In den wilden Augen der tänzelnden Pferde zeigt sich die Anspannung der Infanteristen deutlicher als in den Gesichtern der Männer selbst. Noch ist der Angriffsbefehl nicht erteilt und die Männer verharren in größter Anspannung; in fiebriger, idealistischer Begeisterung blickt der Knabe auf dem Palomino in die Ferne. »Kohlschein verfällt mit seiner Lützowschen Freischar leise ins Uebertriebene«, bemängelte ein Kritiker. »Die vorspringenden Unterkiefer und eckigen Schädel geben den jugendlichen Streitern etwas Verwandtschaftliches, die Silhouette ist lebendig und die naßkalte Winterluft gut getroffen« (Die Kunst für Alle, 19. Jg., 1904, H. 23, S. 548). Kohlscheins Auseinandersetzung mit der Dynamik von Menschenmengen – in der Zeit um 1900 ein virulentes Thema nicht nur in der Sozialkunde und beginnenden Psychologie – verkannte der Kritiker. Eben hierin, in dem genauen Studium der menschlichen Psyche, der Schilderung der Schlacht als einer auch militärisch instrumentalisierten Massenpanik und der damit einhergehenden Entheroisierung der Soldaten, liegt Kohlscheins unerwartet moderner Ansatz. | Regina Freyberger


SIGNATUREN UND INSCHRIFTEN
Bez. links unten: HANS KOHLSCHEIN. / DSSLDF. 04.

AUSSTELLUNGEN
– Internationale Kunstausstellung, Düsseldorf, Städtischer Kunstpalast, 1.5.-23.10.1904
– Große Berliner Kunstausstellung, Berlin, 1905
– Patriotische Kunst aus der Zeit der Volkserhebung 1813, Berlin, Deutsche Akademie der Künste zu Berlin, 15.5.-15.7.1953

LITERATUR
– Ausst.-Kat. Berlin 1905: Große Berliner Kunstausstellung, Ausst.-Kat. Künstlerhaus Berlin 23.5.-17.9.1905, S. 39, Kat.-Nr. 623
– Ausst.-Kat. Berlin 1953: Patriotische Kunst aus der Zeit der Volkserhebung 1813, hrsg. v. Deutsche Akademie der Künste, Ausst.-Kat. Deutsche Akademie der Künste Berlin 15.5.-15.7.1953, S. 143, Kat.-Nr. 23
– Ausst.-Kat. Cappenberg 2009: Hans Kohlschein, ein Künstlerleben in Zeiten des Umbruchs, hrsg. v. Thomas Hengstenberg, Ausst.-Kat. Schloß Cappenberg, Selm-Cappenberg, 5.7.-25.10.2009, S. 149
– Board 1904: Hermann Board, Die internationale Kunstausstellung zu Düsseldorf, in: Die Kunst für Alle, 19. Jg. (1904), H. 23 (1. September), S. 533-553, S. 548
– Nationalgalerie 1986: Die Gemälde der Nationalgalerie. Verzeichnis. Deutsche Malerei vom Klassizismus bis zum Impressionismus. Ausländische Malerei von 1800 bis 1930, bearb. v. Claude Keisch, Berlin (Ost), Die Museen, 1986, o. S.
– Nationalgalerie 1996: Die Gemälde der Nationalgalerie, München, Saur, 1996 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 1999: Gesamtverzeichnis der Gemälde und Skulpturen; Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, München, Saur, 1999 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 2017: Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie, hrsg. v. Angelika Wesenberg, Birgit Verwiebe und Regina Freyberger, Petersberg, Imhof, 2017, S. 452 mit Abb.
– Paffrath/Sitt 1997: Hans Paffrath und Martina Sitt (Hrsg.), Lexikon der Düsseldorfer Malerschule 1819-1918 in drei Bänden, München, Bruckmann, 1997-1998, Bd. 2, S. 262
– Thieme/Becker 1907-1950: Ulrich Thieme und Felix Becker, Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Leipzig, Engelmann, 1907-1950, Bd. 21, 1927, S. 209
– WVZ Holtgreve 2002: Christian Holtgreve (Hrsg.), Hans Kohlschein 1879-1948, Leben und Werk, Bochum und Düsseldorf, Wahine, 2002, S. 16-18, 134, 157, Nr. L 40 M, Abb. S. 135
– Zentralarchiv SMPK, J.Nr. 2118/05. - U.IV 2830


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