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Die Pontinischen Sümpfe bei Sonnenuntergang
  • Die Pontinischen Sümpfe bei Sonnenuntergang
  • Bild
  • August Kopisch (26.5.1799 - 6.2.1853), Maler
  • 1848
  • Öl auf Leinwand
  • 62 x 111 cm
  • Ident.Nr. W.S. 118
  • 1861 Vermächtnis des Bankiers Joachim Heinrich Wilhelm Wagener als Gründungssammlung der Nationalgalerie
  • Sammlung: Nationalgalerie | Alte Nationalgalerie
  • © Foto: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Andres Kilger
Description
Provenienz
Multimedia
Von Herden schwarzer Büffel bewohnt, ein Herd der Malaria, die oft auch Rom heimsuchte, erstreckte sich die Sumpflandschaft der Paludi Pontine einst südöstlich von Rom beiderseits der Via Appia. Nach dem Verfall der antiken Entwässerungsanlagen gelang eine erneute Trockenlegung erst im 20. Jahrhundert. »Man sieht«, schrieb Kopisch seinem Auftraggeber zu dem Bild, »über die pontinischen Sümpfe in das tyrrhenische Meer, in welches die Sonnenscheibe soeben versinken will. Der purpurrote Sciroccohimmel wird von Überschwemmungswassern gespiegelt, welche der Fluß Nymphaeus zum Meere führt. Im Hintergrund zur Linken erhebt sich aus den schilfigen Ebenen das Vorgebirge Monte Circello die vormalige Insel der Kirke, noch ferner eine der Ponza-Inseln. Zur Rechten des Flußes sieht man eine verfallene Wasserleitung aus den Zeiten der Caesaren; im Vordergrunde eine halb römische, halb mittelaltrige Burgruine mit rundem Thurm. Die Staffage bildet eine Heerde wilder Büffel, die von Ufer zu Ufer schwimmt« (Kopisch an Wagener, 24.12.1848, SMB-ZA, IV/NL Wagener, Künstlerbriefe). Eine Versvariante dieser Beschreibung unterstreicht das Sublime, die schreckenerregende Erhabenheit des Verfallenden: »Sieh die Zertrümmerung baut uns Stufen: hinan, wir erreichen / Jetzo die Zinnen des Thurms! / […] Ins Gewog’ sinkt flammend die Sonne: / Während Sciroccogewölk, durchleuchtetes, purpurgefärbtes, / Steiget und Blut ausgießt in den Glanz allspiegelnder Wasser, / die, den Gebirgen entströmt, irr laufen im schrecklichen Sumpfe« (zit. nach: August Kopisch, Ausst.-Kat., Berlin 2016, S. 239).
Der auf die Ferne gerichtete Blick aus der Höhe spart den Vordergrund aus. Kopischs Aufmerksamkeit für extreme Farblichtphänomene wurde gewiß verstärkt durch seine Wiederentdeckung (gemeinsam mit Ernst Fries) der Blauen Grotte auf Capri. Fries wiederum brachte ihm aus München den Kolorismus seines Lehrers Carl Rottmann mit; ebenso ist die Nähe der Diorama- und Transparentmalerei spürbar. Das Bild der pontinischen Sümpfe mit der farbigen Spiegelung des Himmels in fragmentierten Wasserflächen erinnert auch an Caspar David Friedrichs Spätwerk »Das Große Gehege bei Dresden« (um 1832, Galerie Neue Meister, Dresden). Das Licht – Urphänomen und Schauspiel – scheint aber, weit eher als die Gegenwart des Göttlichen, die Macht physikalischer Kräfte zu offenbaren.
Von dieser Komposition gab es einst drei Fassungen. Die wohl erste, stark beachtete Ausführung von 1839 (bis 1945 im Stadtschloß Potsdam, Kriegsverlust) galt dem Zeitgenossen Friedrich Eggers als Hauptwerk des Künstlers, der häufig »auf dem gefährlichen Fußsteige zwischen dem Sublimen und dem Sonderbaren« wandele und den ein »Streben nach dem Außergewöhnlichen« leite (Deutsches Kunstblatt, 4. Jg., 1853, H. 19, S. 159–160). 1848 erwarb der Stifter der Nationalgalerie Wagener eine Wiederholung der Komposition. Im Entstehungsjahr dieser Zweitfassung erschien Kopischs berühmte Gedichtsammlung »Allerhand Geister«, darin »Der Nöck« und »Die Heinzelmännchen«. Eine dritte Fassung befand sich nach Boetticher in Privatbesitz (F. Boetticher, Malerwerke des 19. Jahrhunderts, Bd. 1/2, Dresden 1895, S. 774). | Claude Keisch


SIGNATUREN UND INSCHRIFTEN
Bez. links unten: A Kopisch. 1848

AUSSTELLUNGEN
– Die Sammlung Wagener. Aus der Vorgeschichte der National-Galerie, Berlin (Ost), Staatliche Museen zu Berlin, National-Galerie, 24.3. - Mitte Mai 1976
– Kunst in Berlin. 1648-1987, Berlin, Staatliche Museen zu Berlin im Alten Museum, 10.6.-25.10.1987
– Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie, Berlin, Alte Nationalgalerie, 23.3.2011-8.1.2012
– Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie, Berlin, Alte Nationalgalerie, 23.3.2011-8.1.2012
– Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie, Papenburg, Gut Altenkamp, 15.5.-19.8.2012
– Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie, Papenburg, Gut Altenkamp, 15.5.-19.8.2012

LITERATUR
– Ausst.-Kat. Berlin 1976: Die Sammlung Wagener. Aus der Vorgeschichte der Nationalgalerie, Ausst.-Kat. Nationalgalerie, Berlin 24.3.-5.1976, o. S.
– Ausst.-Kat. Berlin 1987: Kunst in Berlin 1648-1987, Ausst.-Kat. Altes Museum, Berlin 10.6.-25.10.1987, S. 245, Kat.-Nr. F 39, Farbabb. S. 240
– Ausst.-Kat. Berlin 2011: Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie, hrsg. v. Birgit Verwiebe, Angelika Wesenberg und Udo Kittelmann, Ausst.-Kat. Alte Nationalgalerie, Berlin 23.3.2011-8.1.2012, Kat-Nr. 118
– Ausst.-Kat. Berlin 2016: August Kopisch. Maler, Dichter, Entdecker, Erfinder, hrsg. v. Udo Kittelmann und Birgit Verwiebe, Ausst.-Kat. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, 19.3.-17.7.2016, S. 87, Kat.-Nr. 7
– Boetticher 1891: Friedrich Boetticher, Malerwerke des 19. Jahrhunderts, Leipzig, Schmidt & Günther, 1891, Bd. I, 2, S. 774, Kat.-Nr. 19
– Eggers 1850-1858: Friedrich Eggers (Hrsg.), Deutsches Kunstblatt, Leipzig, Weigel, 1850-1858, 4, 1853, S. 159 f.
– Eisler 1996: Colin Eisler, Masterworks in Berlin. A City's Paintings Reunited. Painting in the Western World 1300-1914, Boston, Little, Brown and Co., 1996, S. 651, Farbabb. S. 550
– Jordan 1876: Beschreibendes Verzeichniß der Kunstwerke in der Königlichen National-Galerie zu Berlin, bearb. v. Max Jordan, Berlin, Mittler & Sohn, 1876, 2. Aufl., S. 157, Kat.-Nr. 180
– Kittelmann 2013: Udo Kittelmann (Hrsg.), Nationalgalerie Berlin, Highlights, Mailand, Scala, 2013, S. 62-63 mit Farbabb.
– Kopisch 1856: August Kopisch, Gesammelte Werke, 5 Bde., hrsg. v. Karl Bötticher, Berlin, Weidmann, 1856
– Nationalgalerie Kataloge 1876: Beschreibendes Verzeichniß der Kunstwerke in der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Katalog der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Verzeichnis der Gemälde und Skulpturen in der Königlichen National-Galerie zu Berlin / Verzeichnis der Gemälde und Bildwerke in der National-Galerie zu Berlin, Berlin, 1876-1902, Kat.-Nr. 180
– Nationalgalerie 1986: Die Gemälde der Nationalgalerie. Verzeichnis. Deutsche Malerei vom Klassizismus bis zum Impressionismus. Ausländische Malerei von 1800 bis 1930, bearb. v. Claude Keisch, Berlin (Ost), Die Museen, 1986, o. S.
– Nationalgalerie 1996: Die Gemälde der Nationalgalerie, München, Saur, 1996 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 1999: Gesamtverzeichnis der Gemälde und Skulpturen; Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, München, Saur, 1999 (CD-ROM)
– Nationalgalerie 2017: Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie, hrsg. v. Angelika Wesenberg, Birgit Verwiebe und Regina Freyberger, Petersberg, Imhof, 2017, S. 464 mit Abb.
– Rosenberg 1879: Adolf Rosenberg, Die Berliner Malerschule. 1819-1879. Studien und Kritiken, Berlin, Ernst Wasmuth, 1879, S. 339
– Thieme/Becker 1907-1950: Ulrich Thieme und Felix Becker, Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Leipzig, Engelmann, 1907-1950, Bd. 21, 1927, S. 296
– Waagen 1861: Verzeichniss der Gemälde-Sammlung des am 18. Januar 1861 zu Berlin verstorbenen Königlichen Schwedischen und Norwegischen Konsuls J. H. W. Wagener, welche durch letztwillige Bestimmung in den Besitz Seiner Majestät des Königs übergegangen ist, hrsg. v. Gustav Friedrich Waagen, Berlin 1861, S. 64 f., Kat.-Nr. 118
– Wesenberg 2001: Angelika Wesenberg und Eve Förschl (Hrsg.), Nationalgalerie Berlin. Das XIX. Jahrhundert. Katalog der ausgestellten Werke, Leipzig, Seemann, 2001, S. 215, Kat.-Nr. 241 mit Farbabb.
– Zentralarchiv SMPK, Wagener-Archiv, Künstler-Briefe, Bd. IV, fol. 55-57: Kopisch an J. H. W. Wagener, 24. 12. 1848 (mit Beschreibung des Bildes in Hexametern und in Prosa; das Gedicht wurde in Kopischs Gesammelte Werke, Berlin 1856, aufgenommen) (Zitat)


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