SMB-digital

Online-Datenbank der Sammlungen

La Divina Commedia, Inferno XVIII. Vergil und Dante im achten Kreis der Hölle (Malebolge), 1. und 2. Bolgia: Bestrafung der Kuppler und Verführer, der Schmeichler und Huren
  • La Divina Commedia, Inferno XVIII. Vergil und Dante im achten Kreis der Hölle (Malebolge), 1. und 2. Bolgia: Bestrafung der Kuppler und Verführer, der Schmeichler und Huren
  • Bild / Miniatur
  • Sandro Botticelli (1445 - 1510), Zeichner & Maler
  • ca.1481-1488
  • Entstehungsort stilistisch: Florenz
  • Metallstift, Feder und Pinsel in Braun und Schwarz und Deckfarben auf Pergament
  • Blattmaß: 32,0 x 47,0 cm
  • Ident.Nr. Botticelli, Inferno 18
  • Sammlung: Kupferstichkabinett
  • © Foto: Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
Beschreibung
Die Göttliche Komödie von Dante Alighieri, eines der wichtigsten und komplexesten Werke der Weltliteratur, schildert in einhundert Gesängen die Reise des virtuellen Dante durch die drei Jenseitsreiche Inferno (Hölle), Purgatorio (Läuterungsberg) und Paradiso (das himmlische Paradies). Im ausgehenden 15. Jahrhundert, beinahe 200 Jahre nach der Entstehung der Commedia, unternahm Sandro Botticelli die ungeheure Aufgabe, diese poetische Vision des Universums vollständig mit Bildern zu versehen. Als Zeugnis dieses veritablen Wettstreits, in dem sich der Zeichner mit dem Dichter misst und die Grenzen des Wortes sowie der bildlichen Darstellung auslotet, entstand ein einzigartiger Zyklus von Zeichnungen, ursprünglich auf 102 Blättern, von denen das Berliner Kupferstichkabinett 85 aufbewahrt (7 befinden sich in der Biblioteca Apostolica Vaticana in Rom, 10 gelten als verschollen).
Diese Zeichnungen gehen weit über jede traditionelle Form der Illustration oder der Miniatur hinaus. Ihnen liegt offenbar eine neue persönliche und intensive Beschäftigung des Künstlers mit dem Werk des Dichters zugrunde, die sicherlich auch Anregung fand durch den Auftraggeber Lorenzo di Pierfrancesco de´Medici und sein humanistisch geprägtes Umfeld. Botticelli sucht und findet mit dem Zeichenstift eine Bildsprache, ein „visibile parlare“, die sich der universalen Perspektive Dantes annähert. Dabei sind Bild und Text nicht kombiniert, sondern sie nehmen, gleichberechtigt, jeweils eine ganze, eigene Seite ein. Jede Seite, die mit dem Text eines gesamten Canto beschrieben ist, wird begleitet von einer Seite mit einer Zeichnung. Diese beschränkt sich im Gegensatz zu früheren Illustrationen des Werks, zumeist nicht auf die Darstellung einer oder zwei einzelner Episoden aus dem Canto, sondern versucht, den Inhalt des gesamten Gesangs zu visualisieren und global die Ereignisse in allen Einzelheiten nachzuvollziehen. Geleitet wird das Auge des Betrachters dabei durch die simultane Darstellungsweise in der die mehrfach auf einem Bild erscheinenden Hauptfiguren den Betrachter von Etappe zu Etappe mitnehmen. So macht der Zeichner Botticelli, ein Meister der bewegten Linie, die innere und äußere Bewegung des Jenseitswanderers in allen Einzelheiten nachvollziehbar.
Die hauchzarten Silberstiftzeichnungen sind auf Pergament ausgeführt und größtenteils mit brauner Tusche nachgezogen, wobei zahlreiche Pentimenti vom künstlerischen Entstehungsprozess und einem Ringen um die adäquate Umsetzung des Wortes ins Bild Zeugnis geben. Einige wenige Blätter sind koloriert - unter ihnen zählt die Darstellung von Inferno XVIII zu den am weitesten ausgeführten Blättern. Die Bilderzählung beginnt in der linken oberen Ecke, wo wir Geryon sehen, der Dante und Vergil zu den Malgebolge (Elendsgruben) gebracht hat. Der halb menschliche, halb schlangenhafte Wächter am Übergang zu diesem achten Kreis des Inferno ist als einzige Gestalt unkoloriert geblieben. Die beiden Wanderer bewegen sich zunächst nach rechts am Rande des Grabens entlang, in dem die Seelen der Kuppler von gehörnten Teufeln gepeitscht im Kreis getrieben werden. Dante geht ein paar Schritte zurück, weil er eine der Seelen erkannt hat. Sodann passieren er und sein Führer eine steinerne Brücke, von der aus sie die Gesichter der sich in dieser Richtung bewegenden Verdammten sehen können. Vergil weist Dante hier auf Jason hin, der, mit einer Krone versehen, dafür büßt, die Liebe von Medea missbraucht zu haben. Aus der nächsten Grube schlägt den Wanderern schrecklicher Gestank entgegen. Hier verbüßen die Schmeichler und Dirnen in einem Sumpf von Kot ihre ewige Strafe. Nachdem Dante mit einer der Seelen gesprochen hat, gehen er und sein Führer weiter zum dritten Graben, von dem im folgenden Canto die Rede ist.
Die ursprüngliche Funktion dieser Zeichnungen und die Frage, ob sie, da sie ja größtenteils unkoloriert geblieben sind, als unvollendet angesehen werden müssen, sind in der Forschung bis heute umstritten. Die von Peter Dreyer versuchte Rekonstruktion in Form eines Buches kann letztlich nicht vollends überzeugen, zumal auch gute Argumente dafür sprechen in diesem gezeichneten Bilderzyklus eine autonome visuelle Erzählung zu sehen. Die Erwebung der 85 Zeichnungen für Berlin ist ein außerordentlicher Glücksfall der musealen Sammlungsgeschichte. Bereits 1854 hatte Gustav von Waagen sie in der Bibliothek der Herzöge von Hamilton in Schottland entdeckt. Als 1882 bekannt wurde, dass die Sammlung der Hamilton zum Verkauf geboten werden sollte, setzte sich Friedrich Lippmann, der damalige Direktor des Kupferstichkabinetts zusammen mit engagierten Freunden der Königlichen Museen für die Erwerbung ein. Trotz heftigster Proteste von englischer Seite konnten noch vor der bereits angesetzten Auktion der Sammlung große Teile, darunter die Botticelli-Zeichnungen für die Berliner Museen erworben werden. Nachdem die Blätter während des zweiten Weltkriegs an unterschiedlichen Orten ausgelagert, und in der Folge in getrennten Gruppen im Ost- und im Westteil der Stadt aufbewahrt wurden, sind sie seit dem Fall der Mauer wieder vereint. In einer spektakulären Ausstellung im Jahr 2000 wurden dem Publikum in Berlin, Rom und London alle 92 erhaltenen Blätter dieses Meisterwerks der abendländischen Kunstgeschichte präsentiert.

Text: Dagmar Korbacher, 2011.


SMB-digital steht unter einer
Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie bei der bpk-Bildagentur
unter www.bpk-bildagentur.de erhalten.