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Wir Drei (Daniel Runge, Pauline Runge, geb. Bassenge, und Philipp Otto Runge)
  • Wir Drei (Daniel Runge, Pauline Runge, geb. Bassenge, und Philipp Otto Runge)
  • Zeichnung
  • Philipp Otto Runge (23.7.1777 - 2.12.1810), Zeichner
  • 1805
  • Bleistift
  • Blattmaß: 32,6 x 40,8 cm
  • Ident.Nr. SZ Runge 19
  • Sammlung: Kupferstichkabinett
  • © Foto: Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Jörg P. Anders
Beschreibung
In einem Brief vom 25. Dezember 1804 an den Vater in Wolgast […] entschuldigt sich Runge, daß er kein Weihnachtsgeschenk schicken konnte und verkündet zugleich seinen Plan, das erste Bild, das er zu malen vorhabe, sei für die Eltern bestimmt. Am 7. Februar des neuen Jahres ist seine Bildidee geboren, laut Datum der Aufschrift unserer Zeichnung. Sie zeigt Runge mit seiner Frau und dem älteren Bruder Daniel. »Wir Drei« war die erste der großen Bildniskompositionen, die vorzüglich Runges späteren Ruhm begründet haben. Der Titel stammt nur indirekt von ihm selbst, indem wohl der Bruder Daniel diese Wendung aus einem Brief Runges aufgegriffen hat. Ende des Jahres 1805 war das Bild beendet und nach Wolgast abgegangen. Weit über Runges Tod hinaus blieb es in Familienbesitz, bevor es 1892 als Geschenk an die Hamburger Kunsthalle gelangte. Im Sommer 1931 wurde das Gemälde zusammen mit anderen bedeutenden Bildern deutscher Romantik während der Kunstausstellung im Münchner Glaspalast bei dessen Brand vernichtet.
Unsere Zeichnung ist heute das einzige Zeugnis, das Runges Gedanken anschaulich macht, die seinem einzigartigen Gemälde zugrunde gelegt waren. Einmal sollte es als ein sehr persönliches Zeichen den Eltern die innige Verbundenheit ihrer drei in Hamburg lebenden Kinder zeigen, darüber hinaus aber im gefühlvollen Zusammenklingen von Mensch und Natur ein Sinnbild der Treue sein als ethisches Fundament zur Überwindung auch des nationalen Unglücks. 1801 hatte Runge Pauline Bassenge, die Tochter eines Dresdener Handschuhfabrikanten, sie war gerade fünfzehn Jahre alt, kennen und lieben gelernt. Nach mehrfachem vergeblichen Werben durfte er sie 1804 endlich heiraten. Den liebevollen Zusammenhalt der Rungeschen Familie offenbart eine Briefstelle an Pauline vom Dezember 1802: »...was ich Ihnen in meinen Eltern und Geschwistern bin und seyn kann, das kann ich Ihnen so nicht sagen, wir sind unser 9 und es ist niemand unter uns, der nicht sein Leben für den ändern ließe, mit meinem Bruder in Hamburg bin ich auf jeden Fall verbunden, zu stehen oder zu fallen.« (Runge in seiner Zeit, hg. von Werner Hofmann, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 1977, S. 23)
Als durchaus standesbewußter Sohn eines Wolgaster Reeders und Kornhändlers, der als Lehrling im Hamburger Geschäft des zehn Jahre älteren Bruders Daniel die kaufmännische Routine erfahren und nicht wenig gelernt hatte, konnte sich Runge als Künstler nur bei finanzieller Unabhängigkeit in der Gesellschaft behaupten. Nachdem der Vater 1798 durch Daniels Fürsprache seine Zustimmung zum Künstlerberuf erteilt hatte, war jener auch zeitlebens der materiellen Unterstützung durch den Bruder sicher. Das geistige Bündnis beider Brüder vertiefte sich so sehr, daß es auch in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs standhalten konnte. 1802 im November schrieb Runge diesem Bruder: »... Auch ist das, was mich immer tief an dir gerührt hat daß du in all' dem verfluchten Handeln immer Du geblieben bist, es ist, was jeder dir gleich ansieht, daß du dich nicht verloren hast.« (Runge in seiner Zeit, hg. von Werner Hofmann, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 1977, S. 16). Der Bruder, der als Junggeselle lebte, galt als hochgebildeter, ideal gesonnener origineller Mann mit eigenen künstlerischen Neigungen. Runge zeichnete diesen Bruder an den Stamm einer Eiche gelehnt, jenen Baum, der dann in den Befreiungskriegen über das persönliche Symbol der Treue hinaus zum nationalen Symbol von Einigkeit, Schutz und Festigkeit wurde. In das Bild der brüderlichen Treue bezog Runge seine junge Frau ein. Ihre Hand, die sie auf den Arm des Schwagers legt, fungiert als Verbindungsglied zwischen beiden Brüdern. Im Gemälde hatte Runge die Finger ihrer Hände ineinander greifen lassen, die Verbindung so noch intensiver gestaltend. Über das Herausragende des Bildes als exemplarischstes der romantischen Freundschaftsbilder ist vielfach und vor Traeger zuletzt von Klaus Lankheit geschrieben worden. Die Bedeutung der Zahl »3«, die Runge im System der kosmischen Bilder der indischen Schöpfungsmythen kennengelernt hatte, als schöpferische, erhaltende und zerstörende Kraft, die drei, die sich in der Trinität des Schöpfers, Erhalters und Zerstörers wiederfand, wurde Runge auch im pflanzlichen Gleichnis der Blumenmetapher anschaulich. Seine Sehnsucht nach der Einheit von Geist und Materie, die alle Geschöpfe beseelen sollte: Alles ist in Einem, das Eine in Allem, bildete den geistigen Hintergrund dieser Porträtkomposition. Aber neben der äußerlichen Verbundenheit der Drei wird im Statuarischen der Gestalten zugleich ihre Getrenntheit und Introvertiertheit deutlich, die sich auch in den ernsten auf den Betrachter gerichteten Blicken spiegeln. Einsamkeit und Isoliertheit des schöpferischen Menschen sind Grunderfahrungen in Runges Leben, aus ihnen jedoch erwuchs das Anrührende dieses Freundschaftsbildes.

Text: Marie Ursula Riemann-Reyher, in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 363f., Nr. VII.9 (mit weiterer Literatur)


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