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Tanagräische Terrakotte: Stehende Frau mit Sonnenhut und Fächer
  • Tanagräische Terrakotte: Stehende Frau mit Sonnenhut und Fächer
  • Statue, bekleidet, stehend (Skulptur / Rundplastik / Rundplastik, weiblich)
  • 4. Viertel 4. Jh.v.Chr.
  • Fundort: Tanagra (Griechenland / Böotien)
  • Ton (orangebraun), Grundierung (weiß); verschiedene Frabreste
  • Höhe: 34 cm
  • Ident.Nr. TC 7674
  • 1880 erworben
  • Sammlung: Antikensammlung
  • © Foto: Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Johannes Laurentius
Description
Als „Pariserinnen der Antike“ wurden die Tonstatuetten meist junger Frauen apostrophiert, die seit 1870 in großer Zahl in den Gräbern der böotischen Landstadt Tanagra gefunden und sofort zu einem Verkaufsschlager ersten Ranges wurden: Museen und Privatsammler aus aller Welt erwarben diese Bildnisse vornehm wirkender Damen in eng anliegenden Gewändern und anmutigen Posen, deren Haltung, Gestik, Attribute und oft verblüffend gut erhaltene Farbigkeit den Zeitgeschmack des späten 19. Jahrhunderts punktgenau trafen. Es überrascht nicht, dass angesichts einer gewaltigen Nachfrage bald Nachschöpfungen und auch Fälschungen auf den Markt gelangten. Heute ist es auch dank des Verfahrens der Thermolumineszenz (TL)-Untersuchung möglich, Fälschungen von Originalen mit großer Sicherheit zu unterscheiden.
Auch unsere Dame mit ihrem Sonnenhut im Form eines flachen Kreisels, dem blattförmigen Fächer in der rechten Hand und einem den gesamten Körper bedeckenden Gewand aus fußlangem Chiton und darüber gelegtem Mantel (Himation) wurde einer TL-Analyse unterzogen uns als authentisch erkannt. Die aus zwei getrennten Matrizen für Kopf und Körper geformte Figur ist reich mit Farbe überzogen: Blau, Rot, Braun, Weiß, Elfenbein-Rosa sowie Gold.
Die nach ihrem wichtigsten Fundort als ‚Tanagräerinnen’ bezeichneten Statuetten wurden auch in anderen griechischen Regionen produziert, der Ursprung der Gattung liegt in Athen in der zweiten Hälfte des 4. Jhs v. Chr. Die Werkstätten produzierten für einen großen Markt: So exportierte etwa die in Tanagra selbst zu lokalisierende Werkstatt der Dame mit Sonnenhut ihre Produkte bis nach Kreta. In ihrer äußeren Form lehnen sich die Figuren oft an bekannte Typen der Großplastik an, in diesem Fall an die sog. Große Herkulanerin.
Die unplanmäßigen Ausgrabungen in Tanagra erschweren bis zum heutigen Tage die Beantwortung der Frage nach der Funktion dieser Figuren. Ob als Schmuck in Privathäusern, Weihegaben in Heiligtümern und – am häufigsten nachgewiesen – als Beigaben in Gräbern, weist die Angleichung an die Ikonographie von Göttinnen wie Aphrodite und die Musen darauf hin, dass ein Bezug zur sakralen Sphäre intendiert ist, insbesondere im Falle junger Frauen im heiratsfähigen Alter. Die frühere Deutung als ‚bürgerliche’ Genrefiguren rein profaner Natur ist ein Kind des späten 19. Jhs. und längst nicht mehr haltbar.


Die Antikensammlung. Altes Museum, Pergamonmuseum 3. Aufl. (2007) S. 109 Nr. 59 (M. Maischberger).


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