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  • Trommel
  • 19. Jahrhundert
  • Tanzania (Tansania) (Land)
    historische Angabe (Hauptkatalog): Mrima (Küste)
    Swahili (Ethnie)
    heutige Bezeichnung: Tansania (Land)
    historische Bezeichnung: Winde (Ort)
  • Holz; Leder; Pflanzenfaser; Eisen
  • Objektmaß: 93 x 68 x 78 cm
    Gewicht: 37,5 kg
  • Ident.Nr. III E 5079
  • Sammlung: Ethnologisches Museum | Afrika
  • © Foto: Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Martin Franken
Beschreibung
Vorbesitzer
‚jumbe' von Winde (eventuell Ismael, 'jumbe' von Winde bis 1889), hochrangiger Würdenträger der Swahili in der an Küste des heutigen Tansania, nördlich von Bagamoyo

Biografische Fragmente zu Ismael, 'jumbe' von Winde
Ismael war ‚jumbe‘ des Küstenortes Winde (unweit von Bagamoyo) als die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft die Herrschaft über die Küstenstädte des heutigen Tansania Ende der 1880er Jahre beanspruchte. Dies mündete in einem Krieg mit den Deutschen, der von 1888 bis 1890 dauerte und mit der Niederlage der Küstenbevölkerung und der Errichtung der formalen deutschen Kolonialherrschaft in Ostafrika endete.
In der vorkolonialen politischen Organisation bezeichnete ‚jumbe‘, heute häufig als ‚chief‘ übersetzt, einen hohen Rang in der Hierarchie der muslimischen Küstenbewohner (Swahili), mit dem auch das Recht einherging, gewohnheitsrechtliche Abgaben (‚ada‘), u. a. auch von passierenden Handelskarawanen, zu erhalten. Zusammen mit den anderen ‚majumbe‘ (Pl.) der nördlichen Küstenstädte an der Ostküste des heutigen Tansania widersetzte er sich dem Herrschaftsanspruch der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft.
Die Trommel könnte sich in Besitz Ismaels befunden haben. Die Inschrift auf der Trommel (Kiswahili in arabischen Schriftzeichen) weist einen ‚jumbe“ von Winde als den Besitzer dieser 37 kg schweren Trommel aus. Der seit dem Jahre 1900 in Berlin und Hamburg lebende Kiswahili-Lektor und Autor Mtoro bin Mwinyi Bakari, der aus Bagamoyo stammte, transkribierte und übersetzte Teile der Inschrift folgendermaßen: „ngoma, māli jumbe Makāme-yashāni-bin-mwenyi-ʻamiri-futa“ („Trommel, Eigentum des M. Dorfschulzen. M. lebte in Bagamoyo)“ (Franz Stuhlmann 1910, S. 109). ‚Makame ya shani‘ war der Titel der ‚majumbe‘ von Winde, nördlich von Bagamoyo. Ismael von Winde, eigentlich bekannt für seine relativ große Autonomie von Sansibar, wurde von den Deutschen vorgeworfen, Pulver und Gewehre vom Sultan von Sansibar zu erhalten und an die Aufständischen zu verteilen. Daher wurde der Ort Winde, in welchem die ‚majumbe“ von Winde residierten, 1888 von den Deutschen vom Meer aus bombardiert und die Residenz Ismaels durch Marinesoldaten zerstört. Ismael konnte entkommen. Er wurde schließlich ein Jahr später bei einem Angriff deutscher Soldaten sowie den Deutschen unterstellten afrikanischen Kämpfern in Kaole, einem Dorf südlich von Bagamoyo im Jahre 1889 getötet. Nach dem Tod des Ismael von Winde gingen die Angriffe der Deutschen auf Winde weiter. Unter deutschem Kommando wurde auch sein Nachfolger im Amt des ‚jumbe‘ getötet.

Aneignungskontext
Es ist naheliegend und sehr wahrscheinlich, dass Hermann von Wissmann im Verlauf des Krieges der Deutschen gegen die Bevölkerung in der Küstenregion nördlich von Dar es Salaam in den Jahren 1888 bis 1890 in den Besitz der Trommel gelangte. Dies ist jedoch anhand der bisher gesichteten Quellen nicht eindeutig nachweisbar. Wissmann war seit 1889 (bis 1891) Reichskommissar von Deutsch-Ostafrika und hatte das Kommando über die Truppen bestehend aus deutschen Marinesoldaten und vorwiegend aus dem Sudan stammenden Söldner inne. Die Erbeutung von Objekten war auf deutscher wie auf afrikanischer Seite keine Ausnahme, sondern die Regel. Die Trommel könnte während des erwähnten Angriffs auf Winde in den Besitz der Deutschen gelangt sein oder im Laufe der Kämpfe um Kaole im Jahre 1889. Bei dem groß angelegten Angriff auf Kaole mit 1 000 Soldaten (darunter ca. 300 Deutsche), den Wissmann befehligte, wurden laut den Angaben deutscher Soldaten 106 Anhänger des Bushiri bin Salim, einem Händler aus Pangani und einer der bekanntesten Protagonisten des Krieges, getötet. Auch der ‚jumbe‘ von Winde starb bei der Erstürmung des befestigten Lagers Bushiris. Kaole wurde dann der Plünderung durch die Truppen überlassen, und die deutschen Unteroffiziere und Matrosen nahmen Objekte als „Siegestrophäen und Erinnerungszeichen an das siegreiche Gefecht“ mit sich (H. F. von Behr (1891), S. 67). Neben Fahnen mit Koransprüchen und unterschiedlichsten Waffen (Gewehre, Geschütze, Schwerter, Messer etc.) ist auch die Rede von Gebrauchsgegenständen und Kuriositäten – ob sich etwa unter den „Kuriositäten“ die Trommel befand, ist nicht nachvollziehbar. Danach war Winde wiederum Ziel deutscher Angriffe. Die Trommel könnte auch während dieser Kämpfe oder nach Beendigung des Krieges im Zuge der Entmachtung der ‚majumbe‘ durch die Deutschen von Wissmann, der in den Jahren 1895 und 1896 nochmals Gouverneur von Deutsch-Ostafrika war, angeeignet worden sein. Bevor die Trommel schließlich als Geschenk Wissmanns 1897 in den Besitz des Königlichen Museums für Völkerkunde in Berlin überging, war diese ein Jahr zuvor auf der ersten Deutschen Colonial-Ausstellung in Berlin-Treptow, die einen Teilbereich der großen Berliner Gewerbeausstellung bildete, gezeigt worden. Sie wurde zusammen mit anderen Objekten – vornehmlich Waffen – ausgestellt, die u. a. auch während des Krieges in den Jahren 1888 bis 1890 in der Küstenregion des heutigen Tansania erbeutet und den zentralen Akteuren und politischen Führern des Aufstandes zugeschrieben wurden, wie Bwana Heri bin Juma und dem erwähnten Bushiri bin Salim als bekanntesten Protagonisten des Krieges. Felix von Luschan, Direktorialassistent am Berliner Museum für Völkerkunde, bewertete die Trommel als das wohl „kostbarste Stück“ (Felix von Luschan 1897, S. 64) der gesamten Ausstellung und konstatierte die große Bedeutung der Trommel und deren enge Verbindung mit der Sphäre der politischen (und u. U. militärischen) Macht. Dies weist darauf hin, dass sie wahrscheinlich erbeutet oder zumindest kaum freiwillig abgegeben wurde.

Objektdeutungen
Die Trommel im Berliner Museum gehört zu den ‚ngoma kuu‘ (Kiswahili für große Trommel/-n). Dabei bezeichnet ngoma nicht nur die Trommel als Musikinstrument, sondern meint auch Tanz und damit in Zusammenhang stehende Rituale. Die ‚ngoma kuu‘ war eng mit der Konstitution der sozialen und politischen Autorität der ‚majumbe‘ an der Küste verknüpft. Dabei bezeichnet ‚ngoma‘ nicht nur die Trommel als Musikinstrument, sondern meint auch Tanz und damit in Zusammenhang stehende Rituale.
Each community within the Shirazi [Bezeichnung für muslimische Bevölkerung der ostafrikanischen Küste] confederations kept special set of drums, the ngoma kuu or „great drums“, which served to link festive rites with chiefly authority. A similar instrument was the siwa, a large ornately carved horn sometimes crafted from an elephant tusk. These instruments could be played only in the presence of a jumbe. They were used at feasts commemorating rites of passage within the jumbe’s family, or at any feast at which a jumbe was a guest. The ngoma kuu were especially prominent on religious holidays, when they were played before the jumbe’s house. Both instruments were treated with the same respect as was the jumbe himself: the ngoma kuu, for example, were elevated on a palanquin or kilili. Slaves and noncitizens were prohibited from playing the ngoma kuu, and the accompanying dance was the prerogative only of the majumbe and their immediate subordinates in the Shirazi hierarchy, the maakida. (Glassman 1995, S. 155)
Die ‚ngoma kuu‘ wurde auch bei den Trauerfeierlichkeiten anlässlich des Todes eines Ranginhabers geschlagen, und ein besonderer Tanz mit der „großen Trommel“ und dem ‚siwa‘-Horn war ein essentieller Bestandteil der Einsetzungszeremonien in den höchsten Rang des ‚jumbe‘ oder ‚diwan‘ an der Mrima-Küste. Ob und auf welche Weise die ‚ngoma kuu‘ in Kriegszeiten Verwendung fanden, ist nicht belegt, und so lässt sich auch die Deutung von von Luschan , es handele sich um eine „Kriegstrommel“ (Felix von Luschan 1897, S. 64), nicht verifizieren. Auf jeden Fall weist seine Interpretation der Trommel eher den Charakter einer „Kriegstrophäe“ zu, und als solche ist sie auch unabhängig davon anzusehen. Denn es war eine verbreitete Praxis von Kolonialtruppen in ganz Afrika, solche Herrschertrommeln bei militärischen Siegen über lokale Machthaber zu erbeuten – womit den jeweiligen Herrschern auch ein Teil ihrer Macht entrissen wurde. Dass die deutschen Kolonisatoren die Bedeutung der ‚ngoma kuu‘ als Verkörperung von Macht sowie deren Fortbestand sehr wohl kannten und sich auch anzueignen versuchten, beweist ein zwischen 1891 und 1897 aufgenommenes Foto, auf dem sich ein Deutscher auf einem ‚kilili‘-Bett neben einer großen Trommel inszeniert (siehe III A 22277).

Quellen
SMB-PK, EM, I/MV 0705, E 813/1897

Bundesarchiv 1001/692
BundArchiv 1001/693, Bl. 16, 47, 77-78, 83-92
BundArch 1001/407; Bl. 14-15


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