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  • Ohrpflock
  • Hans Meyer (22.3.1858 - 5.7.1929), Sammler
  • Tanzania (Tansania) (Land/Region)
    historische Angabe (Hauptkatalog): Dschagga (Ethnie)
    historische Angabe (Hauptkatalog): Marangu (Dorf)
    Chagga (Ethnie)
    Marangu (Gebiet)
    Kilimanjaro (Berg/Region)
  • Holz; Kupfer
  • Höhe x Breite x Tiefe: 1,2 x 8,2 x 8,4 cm
    Objektmaß: H: 1 cm, D: 8,2 cm
    Gewicht: 21 g
  • Ident.Nr. III E 4815
  • Sammlung: Ethnologisches Museum | Afrika
  • © Foto: Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Anna-Isabel Frank
Beschreibung
Multimedia
Historischer Hauptkatalog: "Mit kleinen Kupferspiralen verzierter Holzring, vom Häuptling Mareale von Marangu ehemals im linken Ohrläppchen getragen.
8,3 cm Durchmesser.
Dschagga"

Vorbesitzer
'mangi' Marealle (auch Melyari) von Marangu

Biografische Fragmente zu Marealle
Marealle war der Sohn des ‚mangi‘ Ndalio und Ndereo, die in historischen Quellen als seine Konkubine bezeichnet wird. Marealle wurde als Ndegoruo („die Bestrafung“) in Msae (Teil von Mwika) am Kilimanjaro südlich von Moshi geboren. Nachdem er seine Jugend im Exil in dem ‚chiefdom‘ Kibosho verbracht hatte, wurde er circa 1880 vom ‚mangi‘ Sina von Kibosho zum ‚mangi‘ of Marangu, einem ‚chiefdom‘ östlich von Moshi ernannt. Sein offizieller Name war nun Melyari (Marealle, „der Unermüdliche“). Das ‚chiefdom‘ Marangu war zu diesem Zeitpunkt unbedeutend und Marealle fast mittellos. Durch eine geschickte Heiratspolitik sicherte er seine Position und erweiterte sein Einflussgebiet. Er lernte Swahili um die Kommunikation mit arabischen und Swahili Händlern sowie europäischen und amerikanischen Reisenden möglich zu machen. Er hieß diese in Marangu willkommen und lud sie aktiv ein. Marealle orientierte sich dabei auch an den diplomatischen Bemühungen seines Konkurrenten Rindi, ‚mangi‘ von Moshi und versuchte sich damit gegenüber dem mächtigen Sina von Kibosho zu behaupten. Auch Hans Meyer, Verleger und Forschungsreisender, der in den Jahren 1887 und 1889 das Kilimanjaro-Gebiet bereiste, wurde von Marealle wohlwollend empfangen. Er unterstützte Meyer bei der Besteigung und wissenschaftlichen Erforschung des Kilimanjaro. Er nutzte seine Kontakte zu europäischen bzw. deutschen Reisenden sowie Allianzen mit Vertretern des kolonialen Staates um diese im Sinne seiner machtpolitischen Agenda zu instrumentalisieren und auch zu manipulieren. Er diskreditierte seine Rivalen und festigte damit zunehmend seine Position in der kolonialen Herrschaftsstruktur. So avancierte er schließlich in den 1890er Jahren zum mächtigsten ‚mangi‘ des östlichen Kilimanjaro Gebietes – er kontrollierte 27 der 44 ‚chiefdoms‘ der Chagga und erhielt den Namen Kilamia („der Eroberer“). Sein Machtzuwachs ist eng mit dem von 1892 bis 1901 in Moshi stationierten Hauptmann Kurt Johannes verbunden, dessen enger Verbündeter er war. Mit der Ablösung durch Wilhelm Merker verlor Marealle an Einfluss. Merker misstraute Marealle und ging verstärkt auf die anderen ‚chiefs‘ am Kilimanjaro zu um deren Interpretationen der politischen Lage zu hören. Marealle fürchtete um seine Sicherheit und floh 1904 in das sogenannte British East Africa (Taveta und Nairobi). Er kehrte aber zurück und wurde 1905 wieder als ‚mangi‘ eingesetzt. Er dankte im Jahre 1912 ab und setzte seinen Sohn Mlanga ein. Während seiner letzten Lebensjahre bis zu seinem Tod 1916 lebte er im Haus seiner jüngsten Frau Makyaleni. Marangu blieb auch nach Marealle eines der einflussreichsten ‚chiefdoms‘ am Kilimanjaro.

Aneignungskontext
„Dr. Hans Meyer in Leipzig schenkt einen 83mm im Dm. haltenden, mit Messingspiralen verzierten hölzernen Ohrpflock, der früher der Häuptling Mareale [sic!] von Marangu im linken Ohrläppchen getragen hat. In das rechte Ohrläppchen gehört ein etwa 25mm im Dm. haltend, 50mm langer Cylinder. Ausserdem trug Mareale noch in jeder Ohrmuschel, nahe am oberen Rande je ein 104mm langes Stäbchen, von denen uns H. Meyer schon früher eines gegeben hat (III E 2235).“ (SMB-PK, EM, I/MV 774, E 69/1897)

Der Ohrpflock, den der oben genannte Verleger Hans Meyer ‚mangi‘ Marealle zuschrieb und der 1897 als Geschenk in die Sammlungen des Museums für Völkerkunde aufgenommen wurde, gelangte höchstwahrscheinlich während seiner ersten Forschungsreise in das Kilimanjaro Gebiet im Jahre 1887 in Meyers Besitz. In dem oben zitierten Aktenvermerk zehn Jahre später, schreibt Felix von Luschan, der Direktorialassistent des damaligen Königlichen Museum für Völkerkunde, den Ohrschmuck Marealle zu. Meyer hielt sich mit seiner Karawane, die ca. einhundert Teilnehmer umfasste, für mehrere Wochen in Marangu am Kilimanjaro auf, wo er nach eigenen Angaben freundlich von ‚mangi‘ Marealle empfangen wurde und das Lager der Expeditionsteilnehmer in der Nähe von Marealles Residenz aufschlug. Begleitet wurde er von Freiherr E. A. von Eberstein, der als Vertreter der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft (DOAG) beauftragt war, einen geeigneten Ort für die Errichtung einer Station ausfindig zu machen. Zuvor hatte die DOAG im Jahr 1885 durch Karl Ludwig Jühlke und Kurt Weiss einen dubiosen sogenannten Schutzvertrag mit dem ‚mangi‘ Rindi von Moshi ausgehandelt, für den der Vertrag jedoch keinesfalls eine Unterwerfung unter deutsche Herrschaft bedeutete, wie von der DOAG angenommen. Meyer und seine Begleiter hielten sich zwei Jahre später ungefähr vier Monate im Kilimanjaro Gebiet auf, davon mehrere Wochen bei Marealle. Um sich seiner Unterstützung für die Besteigung und Erforschung des Kilimanjaro zu versichern, übergab Meyer Marealle Geschenke, darunter in dem Gebiet gängige Tauschwaren, wie Stoffe, Perlen und Draht sowie Waffen und Munition, Messer, Schnupftabak, Mundharmonikas und Champagner, und erhielt im Gegenzug die Erlaubnis, den Kilimanjaro zu besteigen sowie Nahrungsmittel zur Versorgung der Expeditionsteilnehmer. Während seines Aufenthalts in Marangu entstand auch eine Fotografie, die Marealle in einem Klappstuhl halb liegend neben einem Zelt in Meyers Lager zeigt. Auf dieser Fotografie ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der Ohrpflock (inventarisiert unter III E 4815) zu sehen. Ein gleichfalls während seines Aufenthalts 1897 in Marangu entstandene Fotografie zeigt Marealle ohne diesen Ohrpflock (Meyer 1888) – es bleibt spekulativ, ob er eben diesen nun Fehlenden Meyer gegeben hatte. In seiner Publikation über diese erste Expedition (1888) beschreibt Meyer zwar, dass ihm Marealle als Erwiderung auf seine Geschenke drei Speere schenkte, ein Ohrpflock wird jedoch nicht erwähnt. Der Ohrschmuck könnte allerdings auch während Meyers zweiter Expedition in das Kilimanjaro Gebiet im Jahre 1889 in seinen Besitz gelangt sein. Meyer führte wie bei seiner ersten Reise wieder u.a. im Kilimanjaro Gebiet gängige Tauschwaren (Perlen, Stoffe, Eisen- und Kupferdraht) mit sich sowie „hübsche Geschenkartikel“ (Meyer 1890). Laut Meyer empfing ihn Marealle freudig mit Gewehrsalven, Meyer betont seine persönliche, ja freundschaftliche Beziehung zu Marealle und seine große Freude über das Wiedersehen. Auch berichtet er davon, die Geschenke für Marealle persönlich stundenlang zur Präsentation vorbereitet zu haben, darunter eine Nähmaschine, Stoffballen, Perlen Taschenuhren, Revolver, Seidendecken, Armspangen, Feilen, Tee, Harmonikas, Masken, Glocken, Pulver, Schrot und, Tabakspfeifen. Während seines Aufenthaltes in Marangu betont er den engen Kontakt zu Marealle, der ihn täglich in seinem Lager besuchte um sich mit Meyer u.a. über die politische Situation am Kilimanjaro, Sansibar und Europa auszutauschen. Das Lager in Marangu diente Meyer als Ausgangspunkt für Erkundungen des Gebietes und schließlich für die erfolgreiche Besteigung des Kilimanjaro, für die Marealle auch Führer zu Verfügung stellte. Meyers Expedition hatte zwar wissenschaftliche Zielsetzungen - er kartographierte und legte neben ethnographischen vor allem zoologische und botanische Sammlungen an, zugleich wurde er als Vertreter des deutschen Kaiserreichs wahrgenommen und sah sich auch als solcher, in dem er immer wieder auf eine mögliche wirtschaftliche Nutzbarmachung der Gebiete und ihre Besiedlung durch Europäer bzw. Deutsche verweist.
Zwar betont Meyer die gute und sehr persönliche Beziehung zu Marealle, wie sehr diese jedoch in machtpolitische Positionierungen und Auslotung der Kräfteverhältnisse eingebunden war, zeigt sich daran, dass Meyer Marealle drohte, ihn zusammen mit Rindi von Moshi und dessen Soldaten anzugreifen, wenn er sich seinen Forderungen nicht beuge. Marealle sollte Angehörige einer Swahili Händlerkarawane ausweisen, was laut Meyer dann auch geschah.
Auf welche Weise genau der Ohrpflock in die Hände Meyers kam, lässt sich anhand der bisher gesichteten Quellen nicht nachweisen. Es kann jedoch konstatiert werden, dass Meyer zu einer Zeit in das Kilimanjaro Gebiet reiste, als die deutsche Präsenz ephemer war und die Station DOAG (errichtet 1887/1888) nur sporadisch von einem Vertreter der Gesellschaft besetzt war – die Handelskontakte waren unrentabel und es konnte kein dauerhafter Posten finanziert werden. Meyer, sogenannte Forschungsreisende, europäische Missionare und Händler sowie Vertreter der DOAG waren in der zweiten Hälfe der 1880er Jahre vom Wohlwollen und der Unterstützung der ‚mangi‘ abhängig und davon, welchen Bedeutung die ‚mangi‘ihnen in ihren macht- und wirtschaftspolitischen Strategien zuwiesen.

Quellen
Bender, Matthew B. (2013), „Being Chagga: Natural Resources, Political Activism and Identity on Kilimanjaro,” in: Journal of African History 54 (1), S. 199-220.
Dundas, Charles (1924): Kilimanjaro and Its People: A History of the Wachagga, Their Laws, Customs. and Legends, Together With Some Account of the Highest Mountain in Africa. London: H. F. & G. Witherby.
Meyer, Hans (1888): Zum Schneedom des Kilimandscharo. Berlin: Herm. J. Meidinger.
Meyer, Hans (1890). Ostafrikanische Gletscherfahrten. Forschungsreisen im Kilimandscharo-Gebiet. Leipzig: Verlag von Duncker und Humblot.
Moore, Sally F. und Paul Puritt (1977): The Chagga and Meru of Tanzania (Ethnographic Survey of Africa, East Central Africa 18). London: International African Institute.
Stahl, Kathleen (1964): History of the Chagga People of Kilimanjaro. London [u.a.]: Mouton and Co.
Wimmelbücker, Ludger (2001): Kilimanjaro – A Regional History. Vol. 1: Production and Living Conditions, c. 1800-1920. Münster et al.: Lit Verlag.

SMB-PK, EM, I/MV 774, E 964/1887
SMB-PK, EM, I/MV 774, E 69/1897


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