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Dornenkrönung Christi
  • Dornenkrönung Christi
  • Figurengruppe
  • um 1330/1340
  • Entstehungsort stilistisch: Oberschwaben (Region)
  • Eichenholz mit Resten alter Fassung
  • Höhe: 63 cm
    Breite: 45,5 cm
    Tiefe: 14 cm
    Gewicht: 7,5 kg
  • Ident.Nr. 3140
  • Erworben 1908 gemeinsam mit zahlreichen Geschenken mehrerer anonymer „Gönner“.
  • Sammlung: Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst | Skulpturensammlung
  • © Foto: Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Antje Voigt
Description
Im Zentrum der fünffigurigen Gruppe sitzt Christus frontal auf einer Bank. Seine unbewegte, kraftlose Gesamthaltung, der nach unten gerichtete Blick und das Fehlen offensichtlicher Zeichen des Schmerzes drücken Passivität und Ergebenheit aus, die in einem scharfen Kontrast zu Haltung und Anspannung der Schergen stehen. Christus trägt ein Gewand und einen langen Mantel, der ihm zum Spott umgelegt worden ist. Die Schergen, die mit überkreuzten Stangen die Dornenkrone auf das Haupt des Herrn drücken, sind symmetrisch um Christus angeordnet. Das regelmäßige Grundschema mit den fünf vertikalen Figuren wird durch individuelle Haltung, Gestik und Kleidung der Folterknechte belebt, wobei eine Zunahme der Dynamik nach rechts offensichtlich ist, die in Hinblick auf die rhythmische Gesamtkomposition der Szenenabfolge erfolgt sein könnte.
Darstellungen der bei den Evangelisten Matthäus, Markus du Johannes im Anschluss an die Verhöre Christi geschilderten Dornenkrönung sind ein weitgehend spätmittelalterliches Phänomen. Vor der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts sind selbst in der Buchmalerei bildliche Umsetzungen des Themas rar und auch später fast immer – wie auch in unserem Fall – Teil eines Passionszyklus und nur selten autonom. Die zunächst noch enthaltenen Anspielungen auf die Herrschaft Christi treten zugunsten einer Betonung von Leid und Verspottung in den Hintergrund. Besonders im 15. Jahrhundert wird die Darstellung (ebenso wie die der Geißelung) meist für anekdotenhafte Schilderungen von verzerrten Gesichtern, entstellten Körpern und lächerlichen Haltungen der Schergen genutzt, vor denen die eigentliche Grausamkeit des Ereignisses etwas verblasst.
Das Relief gilt als Teil des „ältesten schwäbischen Schnitzaltars“ und ist mit anderen, meist nur fragmentiert erhaltenen Eichenholzreliefs verbunden worden, die im zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts am Bodensee, vielleicht in Konstanz entstanden sind und von wohl zwei Retabeln stammen. Eines dieser Reliefs, das Pfingstfest, befindet sich seit 1854 im Badischen Landesmuseum Karlsruhe und stammt laut Aussage des Vorbesitzers aus dem Zisterzienserkloster Salem und könnte zu einem Marienretabel auf dem Hochaltar der Zisterzienserkirche gehört haben. Die Berliner Dornenkrönung mag Teil des Passionsretabels auf dem Kreuzaltar der Salemer Kirche gewesen sein. Ebenso denkbar ist aber auch, dass es sich um Reste eines Lettnerschmucks handelt; Salem müsste dann nicht unbedingt fraglich werden, da derartig aufwendige Ausstattungen von Chorschranken durchaus auch aus Zisterzienserkirchen bekannt sind. Passionsszenen waren an Chorschranken durchaus verbreitet und konnten sich dort auf den in der Regel zentral nach Westen ausgerichteten Kreuzaltar beziehen.
Die Berliner Dornenkrönung ist auch seitlich sorgfältig ausgearbeitet und gefasst, die Füße des zweiten Schergen von links etwa werden erst aus der diagonalen Ansicht erkennbar. In einem Retabel wäre eine seitliche Ansicht des – um das Schließen des Schreines zu ermöglichen – in einer seitlich begrenzten Nische versenkten Reliefs eigentlich unmöglich. Zudem ist das Relief auf eine extreme Untersicht gearbeitet: bisher hat man es ausnahmslos frontal abgebildet, was in etwa dem Blick des Zelebranten auf das untere Register eines Retabels entsprechen dürfte. Aus dieser Position blickt man aber direkt in die unschönen Gesichter der Schergen, während das mit Abstand gelungenste Detail der Dornenkrönung, das Antlitz Christi, kaum zur Geltung kommt. Platziert man jedoch das Relief in einer Höhe von ca. 2,5 m, schaut man unmittelbar in das Gesicht des Gekrönten, ohne dass wichtige Details der oberen Zone verdeckt werden – was zweifellos der Intention des Bildschnitzers entsprach. Sowohl die schräge Ansicht als auch die hohe Platzierung wären bei der Anbringung an einer Chorschranke möglich, wo die Reliefs weiter vorkragen und höher angebracht werden konnten.

(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

weiterführende Literatur: H. Meurer, Frühe szenische Retabel in Schwaben, in: H. Krohm, K. Krüger und M. Weniger (Hg.), Entstehung und Frühgeschichte des Flügelaltarschreins, Berlin 2001, S. 213–230


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