SMB-digital

Online collections database

Herr und Dame beim Wein (Das Glas Wein)
  • Herr und Dame beim Wein (Das Glas Wein)
  • Bild
  • Jan Vermeer (1632 - 1675), Herstellung, Maler
  • 1658 - 1660
  • Herstellungsort: Delft (Stadt)
  • Leinwand
  • 67,7 x 79,6 cm
  • Ident.Nr. 912C
  • 1901 Ankauf aus der Sammlung Pelham Clinton Hope, Deepdene
  • Sammlung: Gemäldegalerie
  • © Foto: Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Christoph Schmidt
Description
Im Widerschein kühlen Tageslichts, das von links vor allem durch das vordere der beiden Fenster dringt, sitzt eine junge Frau an einem Tisch und trinkt Wein. Sie hat das Glas zur vollen Neige gegen ihr Antlitz gekehrt, als wolle sie sich dem abwartenden Blick des eleganten Kavaliers entziehen, der mit dem Weinkrug in der Hand, jedoch ohne eigenes Glas, zum Nachschenken bereitsteht. Eine amouröse Beziehung zweifelhaften Charakters ist angebahnt. Dennoch haftet dem Vorgang nichts Derbes, nichts vordergründig Erotisches an.
Auf Stuhl und Tisch wurde eine Cister und Noten beiseitegelegt, möglicherweise ein Hinweis auf das gemeinsame Musikzieren des Paares. Vermeer transformierte hier ein gängiges Thema der holländischen Genremaler. Möglicherweise wurde er von seinem Malerkollegen Gerard ter Borch inspiriert, der ebenfalls das Motiv eines Kavaliers malte, der, die Hand an der Flasche, einer Dame beim Trinken zusieht. Während der Herr in dem Gemälde ter Borchs seiner Dame jedoch den Arm um die Schulter legt, liefert Vermeer keinen expliziten Hinweis auf die Natur der Beziehung seines Paares. Ob der Alkoholgenuss in Ausschweifung enden wird, bleibt ungewiss.
Auf der linken Seite ist ein leicht geöffnetes Fenster mit farbigem Wappen dargestellt, auf der eine Frauengestalt mit verschlungenen Bändern in der Hand zu erkennen ist. Eine entsprechende Figur findet sich unter den Emblemen, die G. Rollenhagen 1617 ediert hat. Die Bänder erweisen sich dort als Zaumzeug, neben dem Winkelmaß ein Attribut der »Temperantia « (Mäßigkeit). Der begleitende Text des Emblems lautet: »Mens Servare Modum, rebus sufflata secundis, / Nescit, et affectus fraena tenere sui.« (Das Herz weiß das Maß, wenn es vom Glückshauch getroffen wird, nicht zu wahren und den Gefühlen Zügel anzulegen.) Dieser Hinweis bezieht sich nicht nur auf das Weintrinken, sondern insgesamt auf die Beziehung der dargestellten Akteure und der absehbaren, fehlenden Zurückhaltung beider. Es ist eine Warnung das rechte „Maß zu wahren“. Noch in einem zweiten Bild verwendete Vermeer die Darstellung dieses Emblems in demselben Kontext. In dem Gemälde „Mädchen mit Weinglas“ (Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig) sind die anzüglichen Avancen des Herren jedoch weitaus expliziter hervorgehoben.

Die Nahsicht der Dinge ist im Berliner Werk erstmals aufgegeben. Vermeer lässt den Betrachter zurücktreten, indem er diesen durch den leeren Stuhl am Tisch abgrenzt. Der gewonnene Abstand weitet den Blickwinkel. Das Interieur wird nicht länger als Teil des Figurenausschnitts wahrgenommen, vielmehr sind die Figuren nun Teil des Interieurausschnitts. Neuerungen dieser Art weisen auf den Einfluss der ersten Meisterwerke Pieter de Hoochs, des um drei Jahre älteren Delfter Malerkollegen Vermeers. De Hoochs Interieurdarstellungen der Zeit um 1658 sind in erster Linie von der Architektur des Innenraums her erdacht und gestaltet. Was allerdings Vermeer aus einem Interieur de Hoochschen Typs zu machen imstande war, verdeutlicht gerade das Berliner Bild, das durch seinen streng kalkulierten Aufbau beeindruckt, auch durch den Illusionismus der Malweise, der selbst in der Differenzierung von Oberflächenwerten erhalten bleibt, ohne sich in dieser rein sachbezogenen Bestimmung bereits zu erschöpfen. Im überall gegenwärtigen Licht erlangen die Dinge den Anschein einer höheren Qualität.


SMB-digital is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License.
Permissions beyond the scope of this license may be available at www.bpk-bildagentur.de.