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Die Befreiung Petri
  • Die Befreiung Petri
  • Bild
  • Gerrit van Honthorst (1592 - 1656), Herstellung, Maler
  • 1616 - 1618
  • Entstehungsort stilistisch: Rom (Stadt)
  • Leinwand
  • 131,00 x 181,00 cm
  • Ident.Nr. 431
  • 1815 Ankauf mit der Sammlung der italienischen Adelsfamilie Giustiniani
  • Sammlung: Gemäldegalerie
  • © Foto: Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Jörg P. Anders
Description
Gerard van Honthorst war sowohl in seinem künstlerischen Ruhm wie in seinem gesellschaftlichen Ansehen bereits zu Lebzeiten dem flämischen Maler Rubens ebenbürtig. Als einen gleichwertigen Kollegen ehrte der große Rubens den Holländer deshalb 1627 auch durch einen Besuch in dessen Utrechter Atelier. Wie Rubens hatte Honthorst einen regen Lehrbetrieb entfaltet und war im Vergleich zu anderen holländischen Malern wohlhabend. Er erhielt glanzvolle Aufträge von Kirchen und Fürsten. Gewandt, hochgebildet und mehrsprachig verstand Honthorst sich bei Hofe zu bewegen. Während seiner Ausbildung in Utrecht bei dem namhaften Maler Abraham Bloemaert (1567-1651) wandte sich Honthorst dem florentinischen und venezianischen Manierismus mit seinem spezifischen Farb- und Bewegungsrhythmus zu. Etwa 1615, »als die Manier Caravaggios allgemein war« (Mancini und Bellori), zog es ihn jedoch nach Rom. Unter dem Eindruck der eher statischen, das Zeichnerische und Plastische hervorhebenden Kunst der Renaissance löste er sich entschieden von den in Utrecht und Haarlem gängigen Manierismen. Nun sah Honthorst die große natürliche Form, deren Konturen vom Licht verstärkt erschienen, sah er Zeichnung und Komposition als vorrangig an. Das Berliner Bild ist das früheste bekannte Auftragswerk dieser erfolgreichen römischen Periode. Es entstand etwa 1616 für den in Rom berühmtesten Sammler und Kenner, den Marchese Vincenzo Giustiniani. In dessen Palast wohnte Honthorst und pflegte regen Austausch mit Malerkollegen wie Guido Reni und Bartolomeo Manfredi. Der Marchese hatte eine für seine Zeit erstaunlich moderne Vorliebe für den Naturalismus des Michelangelo da Caravaggio. In seiner kunsttheoretischen Einteilung der Maler in zwölf Kategorien stand dieser neben den Carracci und Guido Reni an oberster Stelle. Unzweifelhaft hat er an dem jungen Holländer ebenfalls die Begabung für »gute Zeichnung, wahres Kolorit und geeignete und wahre Lichtgebung« erkannt, caravaggeske Stilelemente, die im Berliner Bild deutlich werden. Möglicherweise hat Honthorst etwa die Geste des Engels aus Caravaggios damals in der Sammlung des Marchese befindlichen Darstellung des Evangelisten Matthäus mit dem Engel, oder eher noch aus Caravaggios Berufung des Matthäus in der römischen Kirche S. Luigi dei Francesi übernommen. Die Befreiung Petri wird in der Apostelgeschichte (12, 6-7) so beschrieben: »Und da ihn Herodes wollte vorstellen, in derselben Nacht schlief Petrus zwischen zwei Kriegsknechten, gebunden mit zwei Ketten, und die Hüter vor der Tür hüteten das Gefängnis. Und siehe, der Engel des Herrn kam daher, und ein Licht schien in dem Gemach; und er schlug Petrus an die Seite und weckte ihn und sprach: Stehe behende auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen.« Honthorst behandelt die Erzählung sehr frei. Er lässt sowohl die Kriegsknechte als auch die Hüter vor dem Kerker weg. Selbst die Ketten, die von den Händen Petri fallen sollten, hängen nur symbolisch an der Wand. Es dominieren die beiden Hauptfiguren, deren Interaktion – heftiges, erschrecktes Zurückweichen des Gefangenen, heftiges Vorwärtsdrängen des Engels – durch große Gesten pathetisch unterstrichen wird. Die so eindrucksvoll aufeinander bezogenen Gestalten agieren in einem Lichtstrom, der durch die vom Engel aufgestoßene schwere Zellentür in den dunklen Raum fällt und den beiden Körpern eine großartige Plastizität verleiht. Mit magischer Kraft wird das einfallende Licht über den ausgestreckten Arm des Engels auf den schützend zum Kopf gebeugten Arm und in das Antlitz des alten Mannes geführt, wobei ein in Höhe des Türgriffes sich bildendes Schattenbündel den Lichtstrom effektvoll teilt. Die Malweise ist großzügig und bewegt. Die Farben – Weiß, Gelb, Grün und Rot – sind warm und tonig gebrochen. Diese frühe Bildfindung Honthorsts muss allgemein als Meisterleistung empfunden worden sein. Sie wurde in zahlreichen Repliken und Kopien wiederholt. Eine in Dresden befindliche Zeichnung mit demselben Gegenstand galt früher als Vorzeichnung Honthorsts zum Berliner Bild, ist aber wohl mit der in Dresden geltenden Zuschreibung an Abraham Bloemaert zutreffender eingeordnet. Gerard van Honthorsts künstlerische Bedeutung beruht, nachdem seine Anerkennung gegen Lebensende merklich nachließ, vor allem auf der Verbreitung des italienischen Caravaggismus im niederländischen Raum. In historischen sowie mythologischen und genrehaft-volkstümlichen Gestalten verbinden sich die italienischen Einflüsse mit niederländischem Gedanken und Formengut.
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In the year 1615, “… when Caravaggio’s manner was general” (Mancini/Bellori), the young Honthorst, like many Dutch painters, went to Rome. He had been trained in Abraham Bloemaert’s large studio in Utrecht, and had familiarized himself with the style of Florentine and Venetian Mannerism there. But he detached himself from Mannerism as current in his homeland under the influence of Italian Renaissance art. Large-scale form, composition, drawing and contrasting light and shade now became fundamental. Our picture is the earliest known commission executed by Honthorst in Rome. It was painted in 1616/18 for art connoisseur and collector Marchese Vincenzo Giustiniani, a promoter of modern admiration of Caravaggio. In this composition Honthorst reduced the account in the Acts of the Apostles (12, 6-7) simply to the words “Get up quickly”, with which the angel asked the astonished prisoner Peter to leave the gaol from the door that had burst open. The warriors and prison guards are left out, as are the chains that were said to have fallen from the prisoner’s hands. All the characteristics of Caravaggio’s style come into play in the concentration on Peter and the angel, their violent physical and spiritual movement, which is effectively carried by the magnificent handling of light and shade, the powerful plasticity of the design and the warmth of the colouring. They give the scene a magical sense of drama. Honthorst’s angel’s gesture is clearly borrowed directly from Caravaggio’s Calling of St. Matthew in the church of San Luigi Francesi in Rome. This early pictorial invention by Honthorst seems to have been generally hailed as a masterpiece, and thus recurs in numerous replicas and copies. A drawing in the Kupferstichkabinett in Dresden used to be seen as a preliminary drawing by the artist for the Berlin painting, but it is now attributed to Abraham Bloemaert.


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