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Die Madonna in der Kirche
  • Die Madonna in der Kirche
  • Bild
  • Jan van Eyck (1370/1400 - 1441), Maler
  • um 1440
  • Eichenholz
  • 31,10 x 13,90 cm oben halbrund
  • Ident.Nr. 525C
  • 1874 Ankauf mit der Sammlung des Bankiers Barthold Suermondt
  • Sammlung: Gemäldegalerie
  • © Foto: Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Jörg P. Anders
Description
Die Madonna in der Kirche ist eines der schönsten und kostbarsten Werke, die Jan van Eyck geschaffen hat. Kopien aus dem 15. und 16. Jahrhundert bezeugen, daß der hohe künstlerische Rang des kleinen Tafelbildes schon früh erkannt worden ist. In der Tat verleihen die detaillierte Wiedergabe der Architektur und die differenzierten Abstufungen des Lichtes dem Kirchenraum eine Atmosphäre von ganz unmittelbarer Wirkung. So entsteht der Eindruck, als blicke man in eine zeitlose Welt. Das durch die Fenster des Obergadens und das Seitenportal einfallende Licht des hellen Tages, das Sonnenreflexe auf die Scherwände und den Boden des Langhauses zaubert, gemahnt an das Verrinnen der Zeit, die dennoch stillzustehen scheint. In dieser Umgebung hat Jan van Eyck die Gottesmutter mit dem Kind in übernatürlicher Größe wiedergegeben. Sie überragt noch die gewaltigen Abmessungen der Kirchenarchitektur und ist dadurch dem Bereich menschlichen Vorstellungsvermögens entzogen. Seit altchristlicher Zeit wurde Maria als Tempel und Haus Gottes bezeichnet, da Christus in ihrem Leib wie in einem Tempel Wohnung genommen hatte. Vor dem Hochaltar im Chor der Kirche sind Engel zu erkennen, die aus einem Antiphonar singen. Sie weisen auf den engen Bezug zwischen Sakrament und Erlösung sowie die immerwährende Messe der Endzeit hin. Den deutlichsten Fingerzeig zur Interpretation seines Bildes hat Jan van Eyck selbst durch die Inschrift auf dem alten Rahmen gegeben, der 1877 verlorenging. Der Text entstammt einem mittelalterlichen Hymnus, in dem das Wunder der Geburt und die Jungfräulichkeit Marias besungen wird. In einer der Strophen wird das Sonnenlicht, das die Fenster durchdringt, ohne sie zu zerstören, gleichnishaft auf Maria bezogen, die Mutter war und dennoch Jungfrau blieb. So erklärt sich, warum Jan van Eyck soviel Sorgfalt auf die Wiedergabe des Lichtes verwendet hat, das als Gottessymbol und Sinnbild der Jungfrau Maria verstanden werden muß. Dies bestätigen auch die in den Saum des Kleides der Madonna eingewirkten Buchstaben. Sie gehören zu einer Inschrift, die dem Buch der Weisheit Salomos (7, 26 und 29) entnommen ist: »Sie gehet einher herrlicher, denn die Sonne und alle Sterne und gegen das Licht gerechnet, gehet sie weit vor. Denn sie ist ein Glanz des ewigen Lichts und ein Spiegel der göttlichen Kraft und ein Bild seiner Gütigkeit.« Wenn man sich daran erinnert, daß alle gotischen Kirchen mit dem Chor stets gen Osten wiesen, dann zeigt sich, daß in unserem Bild das Sonnenlicht nicht von Süden, sondern entgegen der Realität von Norden in die Kirche einfällt. Es handelt sich also nicht um das natürliche, sondern das ewige Licht, das weder dem Lauf der Sonne noch dem der Sterne folgt. Diese Lichtsymbolik erfährt ihre vielschichtige Fortführung in den brennenden Kerzen, die neben der Marienskulptur in der Nische des Lettners aufgestellt sind. Dabei fällt auf, daß die Statue ganz der uns lebensnah gegenüberstehenden Madonna entspricht. Es hat den Anschein, als sei das Standbild auf wunderbare Weise zum Leben erweckt worden. Realität und Vision sind eins. Es entsteht der Eindruck, als blicke man in eine ferne Welt, die wirklichkeitsnah und doch der Wirklichkeit entrückt ist.| Rainald Grosshans


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