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Bildnis eines feisten Mannes
  • Bildnis eines feisten Mannes
  • Bild
  • Meister von Flémalle (Schaffenszeit: 1410-1440), Herstellung, Maler
    Robert Campin (1375/79 - 1444), frühere Zuschreibung, Maler
    Masmines, Robert de, Bestellung, Dargestellt
  • um 1440
  • Herstellungsort: Niederlande (Land)
  • Eichenholz
  • mit Anstückung 31,50 x 20,30 cm
  • Ident.Nr. 537A
  • 1901 erworben durch den Kaiser Friedrich Museumsverein
  • Eigentum des Kaiser Friedrich Museumsvereins
  • Sammlung: Gemäldegalerie
  • © Foto: Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Jörg P. Anders
Description
Mit einer erstaunlichen Fleischlichkeit präsentiert sich der Kopf des Mannes im schmalen Bildfeld der Tafel. Eine wulstige Nase, zahlreiche Falten und kleine Narben, besonders aber die hängenden Wangen und das schwere Doppelkinn mit seinem ausgeprägten Bartschatten geben dem Bildnis einen Zug, den manche modernen Betrachter als wenig anziehend empfunden haben – Max J. Friedländer sah »die grobe und müde Körperlichkeit dieses Modells« von reiner Sinnlichkeit geprägt. Den ursprünglichen Intentionen des Porträts wird dies freilich kaum entsprechen, und ob das Bildnis hier eine rohe Persönlichkeit gegen den Willen des Dargestellten enthüllt, darf stark bezweifelt werden. Die ausgeprägte Physis des Mannes wird in dem Bildnis gewiss nicht unterdrückt, sondern vielmehr als charakteristisch und seine Bedeutung steigernd hervorgehoben. So steht seine körperliche Masse nicht allein für die Individualität, sondern auch für Rang und Ansehen des Dargestellten. Seine Augen haben einen wachen Blick, der Qualitäten wie Beobachtungsgabe, vielleicht auch Urteilskraft ausdrücken soll. Den Eindruck von Rohheit vermittelt das Gesicht keineswegs. Eher scheint etwas Zurückhaltendes, fast Sanftes in seinen Zügen zu liegen. Von der Mehrzahl der altniederländischen Bildnisse unterscheidet sich die Darstellung des feisten Mannes durch den sehr eng gefassten Ausschnitt und den hellen Hintergrund. Im Zusammenspiel steigern sie nochmals die Präsenz der Person. Der weiße Hintergrund – es gibt davon insgesamt nur drei Beispiele in der altniederländischen Malerei, alle aus dem Umkreis Rogier van der Weydens – bringt den Umriß des Kopfes hervorragend zur Geltung. Der Eindruck von Lebendigkeit, vielleicht auch von Klarheit, im übertragenen Sinne, wird dadurch noch verstärkt. Keinerlei Attribute verraten den Stand des Dargestellten. Allein das dunkelbraune Kleid mit Pelzbesatz und der in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts modische Topfschnitt weisen über die reine Physiognomie hinaus. Offenbar ist der Mann in erster Linie in seiner individuellen Persönlichkeit wiedergegeben und nicht als der Inhaber eines Amtes oder einer Würde. Dies spricht für einen eher privaten Charakter des Bildnisses, das seine Funktion vornehmlich in der Familie und bei den Nachkommen des Dargestellten erfüllt haben mag. Die auffällige Physiognomie reizte verständlicherweise zu Versuchen, durch andere Bildnisse zu einer Identifizierung des Porträtierten zu gelangen. Mehrfach wollte man in ihm den 1430 als Heerführer Philipps des Guten gefallenen Robert, Seigneur de Masmines erkennen, dessen Aussehen in der Nachzeichnung eines verlorenen Porträts es 15. Jahrhunderts überliefert ist. Indes überzeugen die gegen die Identifikation erhobenen Einwände: Masmines wirkt herrisch, wenn nicht gar brutaler; er ist weniger fett, die Nase und die Augenpartie stimmen überhaupt nicht und der Mund nur eingeschränkt mit den Gesichtszügen unseres Bildnisses überein. Als verbindendes Merkmal beider Personen bleibt lediglich das gewaltige Doppelkinn. Das markante Bildnis wurde bei seinem Bekanntwerden dem enigmatischen Meister von Flémalle zugeschrieben, dessen Abgrenzung von Rogier van der Weyden nach wie vor problematisch erscheint. Oftmals sind denn auch die an Rogiers Kunst gemahnenden Eigenarten des Porträts bemerkt worden. Auf einen Zusammenhang mit Rogier verweist ferner, daß der Bildniskopf in idealisierter Form als Nikodemus in dessen Hauptwerk, der in Madrid befindlichen Großen Kreuzabnahme von ca. 1435/40, wieder auftaucht. Möglicherweise stellt die Tafel damit eines der frühesten Zeugnisse der Porträtmalerei Rogiers und seines Kreises dar. | Stephan Kemperdick
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Filling the frame, the head of this unknown man has astonishing presence. The bulk of the fleshy cheeks has great immediacy, but the alert look in the eyes with their stylised rendering lends the portrait a quality that goes beyond corpulence. The person portrayed and his painter, who was probably from the circle of Rogier van der Weyden, aim to create a dignified portrait: the heaviness of the features makes the man recognizable as an individual, but his look is intended to express qualities of mind which could possibly be described as good judgement and reason, and certainly as piety too. | Stephan Kemperdick


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