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Amor als Sieger
  • Amor als Sieger
  • Bild
  • Michelangelo Merisi Caravaggio (1571 - 1610), Herstellung, Maler
  • 1601 - 1602
  • Herstellungsort: Italien (Land)
    Entstehungsort: Italien/Rom (Land/Region)
  • Leinwand
  • 156,5 x 113,3 cm
  • Ident.Nr. 369
  • 1815 Ankauf der Sammlung der italienischen Adelsfamilie Giustiniani
  • Sammlung: Gemäldegalerie
  • © Foto: Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Jörg P. Anders
Description
Caravaggio kam um 1592/93 aus der Lombardei, von wo er prägende Eindrücke der Werke Savoldos, Lottos, Romaninos und Morettos mitbrachte, nach Rom. Eine Zeitlang arbeitete er in der Werkstatt des führenden Spätmanieristen Giuseppe Cesari, doch schon bald brach er mit den Kunstregeln des römisch-florentinischen Manierismus. Sein ganz neuer Ansatz eines direkten Rückgriffs auf die Natur, die Wirklichkeit, und der Einsatz gebündelten Lichts und kontrastreichen Helldunkels als bildnerische Mittel revolutionierten die Kunst in Rom um 1600 und machten ihn mit Annibale Carracci, Elsheimer und Rubens zu einem der Bahnbrecher der Malerei des 17. Jahrhunderts. Die ersten bedeutenden öffentlichen Aufträge, die Bilder der Contarelli- Kapelle in S. Luigi dei Francesi und die Seitenbilder der Cerasi-Kapelle in S. Maria del Popolo, machten ihn berühmt. Bedeutende Familien erwarben und bestellten Bilder bei ihm, neben den Mattei, Borghese und Barberini vor allem die Giustiniani, die zu seinen wichtigsten Mäzenen und zugleich zu den fortschrittlichsten Kunstsammlern in Rom zählten: der Marchese Vincenzo Giustiniani (1564-1637) und sein Bruder, der Kardinal Benedetto Giustiniani (1544-1637). Von den fünf originalen Werken Caravaggios aus ihrer Sammlung, die 1815 in Paris vom preußischen König en bloc erworben wurde, überstanden nur zwei die unmittelbaren Folgen des Zweiten Weltkrieges: der Ungläubige Thomas in der Bildergalerie in Potsdam-Sanssouci und der 1602 entstandene Amor als Sieger. Der jugendliche Gott der irdischen Liebe triumphiert als lächelnder Sieger, gemäß den Worten Vergils: »Omnia vincit amor« (Die Liebe besiegt alles; Eclogae 10, 69), über Wissenschaft, Kunst, Macht und Ruhm. Die Instrumente und Symbole der »freien Künste«, der Lorbeer des unsterblichen, vor allem literarischen Ruhms und die Rüstung, Zeichen der Kriegskunst und des Kriegsruhms, liegen verstreut zu seinen Füßen, als »Trophäen«, als Siegesbeute (so Caravaggios Biograph Bellori 1672): links ein Notenheft und zwei Saiteninstrumente, eine Violine und eine Laute, davor Winkel und Zirkel, die Instrumente der Geometrie; hinter dem rechten Bein Amors, halb verdeckt vom Lorbeer, ein geöffnetes, dicht beschriebenes Manuskript und eine Rohrfeder; rechts am Rande, hinter Amors linkem, ab ge spreiz tem Bein, Krone und Zepter als Zeichen irdischer Herrschaft und Macht. Amor scheint auf einem blauen, sternbesetzten Globus zu sitzen, das heißt über die ganze Welt zu triumphieren; gleichzeitig verweist die Himmelskugel auf die Kunst der Astronomie. Sie scheint allerdings zum Schluß vom Maler eingefügt zu sein. Der Knabe sitzt nicht wirklich auf dem flachen Rund des Globus, sondern auf einer Kante, über welche rechts die Draperie herabfällt und auf die Amor sein linkes Bein legt. Wie das Röntgenbild und das durchgewachsene Pentimento zeigen, war die Kante ursprünglich links über die Körperkontur hinaus weitergeführt, wurde dann aber vom Maler getilgt, übermalt und als Sitzmotiv durch den Globus ersetzt. Die spielerisch labile, aufreizend zudringliche Pose – eine Travestie von Michel - angelos Sieger (Florenz, Palazzo Vecchio) – und das zweideutig spöttische Lächeln des Jünglings, den Caravaggio nach einem Modell aus dem Volk malte, unterstreichen die verbreitetste, schon im Giustiniani-Inventar (1638) anklingende, vor allem von Walter Friedlaender in seinen Caravaggio-Studien 1955 ausgeführte Deutung, daß der irdische Amor die höchsten moralischen und intellektuellen Werte des Menschen und die Ziele seines Ehrgeizes verspotte.| Erich Schleier


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