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Prozessionsstraße von Babylon (Gesamtansicht des rekonstruierten Teils)
  • Prozessionsstraße von Babylon (Gesamtansicht des rekonstruierten Teils)
  • Großarchitektur (Ziegelfassade)
  • Datierung: 6. Jahrhundert v. Chr.
  • Fundort: Babylon (Vorderasien)
  • Keramik; glasiert
  • Höhe: 12,5 m
    Breite: 8 m
    Länge: 30 m
  • Ident.Nr. VA Bab 01379-1407
  • Sammlung: Vorderasiatisches Museum
  • © Foto: Vorderasiatisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Olaf M. Teßmer
Description
Wer im 6. Jahrhundert v. Chr., sich von Norden der Stadt nähernd, Babylon betreten wollte, musste sich zunächst in eine durch hohe Mauern mit vorspringenden Türmen eingeengte Straße begeben. An ihrem Ende erst, empfangen von einem durch Bastionen geschützten Vorplatz, erreichte er das Tor in den Mauern der Stadt – eines der sieben nachgewiesenen Tore im Befestigungsgürtel Babylons. Während des Durchschreitens dieser etwa 250 m langen und über 20 m breiten Anlage konnte der gewiss beabsichtigte tiefe Eindruck empfangen werden, den der Bauschmuck bei jedem Betrachter hinterlassen musste. Auf einer Teilstrecke von ca. 180 m vor dem Torplatz war den eigentlichen, mehr als sieben Meter starken Mauern eine farbige, reliefierte und zusätzlich mit Farbbändern versehene Verkleidung der Sockelzone vorgeblendet.

Ziegelreliefs schreitender Löwen in leicht verminderter natürlicher Größe und farbig unterschiedlicher Gestaltung bildeten den Blickfang des Baukörpers. Diese Tiere gaben nicht nur einen Widerschein der Macht und Größe des Reiches und seiner Hauptstadt, sie symbolisierten auch – als ihre heiligen Tiere – eine der wichtigsten Gottheiten der Babylonier, die kriegerische und Zeugungskraft verkörpernde Göttin Ischtar. Der offizielle Name der Straße lautete: Aj-ibur-schapu, „nicht habe Bestand der Feind“. Denn diese Anlage war gleichermaßen als Wehranlage vor dem Torzugang zur Stadt wie auch als ein einer Gottheit angemessener kultischer Verehrungsort errichtet worden.

Auf dem Höhepunkt seiner Macht hatte der neubabylonische (chaldäische) König Nebukadnezar II. (604–562 v. Chr.) die Stadt Babylon zur Errichtung eines Palastkomplexes außerhalb der Mauern nach Norden erweitern lassen. Die östliche Außenmauer dieses Palastes sowie die westliche Mauer eines Befestigungsbaus („Vorwerk“) bildeten zugleich die Einfassungsmauern der Straße. Mehrere Terrainaufschüttungen hatten allerdings zur rampenförmigen Anhebung der Straße geführt, die vor dem Tor eine Höhe von etwa 15 m über dem umgebenden Stadtniveau erreichte. Den Verlauf der Straße hatte Nebukadnezar, wie er in einer Bauinschrift selbst bekundet, nicht anzutasten gewagt. War dies doch der Weg, den während des bedeutendsten religiösen Festes des Landes – dem Neujahrsfest zum Frühjahrsanfang – die gewaltige Prozession der Götter des Reiches entlangzog. Als krönender Abschluss des elftägigen Festes kehrten die Statuen des Reichsgottes Marduk und die der in die Hauptstadt gebrachten anderen Landesgötter vom Neujahrsfesthaus in den Haupttempel zurück. Damit konnte das kultische Jahr der Babylonier seinen Lauf nehmen.

Dieses Ereignis lag der prachtvollen Ausgestaltung des Baukörpers mit glasierten Ziegelreliefs zugrunde. Sowohl die Straße als auch das Tor hatten damit gegenüber den anderen Stadtzugängen eine einzigartige Gestaltung bekommen.

Die Rekonstruktion im Museum hält sich an die bei der Ausgrabung festgestellten Gebäudemaße und zeigt nur etwa 30 m des Straßenverlaufs in auf ein Drittel verminderter Breite. Bauform und Gestaltung wurden ausgeführt sowohl nach den Grundmauerbefunden als auch nach Abbildungen babylonischer Bauwerke auf assyrischen Palastreliefs. Aus Tausenden Bruchstücken der im Laufe der Zeit zerstörten Ziegel wurden 1928 bis 1930 wichtige Teile des Löwenfrieses wiederhergestellt. Der restliche Aufbau, so die oberen Wandteile in Form von Lehmverputz, die farbigen Mauerkronen mit Treppenzinnen, aber auch Teile des Schmuckfrieses selbst, sind aus modernen Ergänzungen gefertigt. [JM]


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