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Kopf eines schreienden Kindes
  • Kopf eines schreienden Kindes
  • Zeichnung
  • Matthias Grünewald (1465 - 1528), Zeichner
  • 1515 - 1520
  • Kohle, partiell flächig gewischt, fixiert, Reste weißer Pinselhöhung
  • Höhe x Breite: 24,7 x 20,2 cm
  • Ident.Nr. KdZ 12319
  • Sammlung: Kupferstichkabinett
  • © Foto: Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Jörg P. Anders
Description
Die Studie eines schreienden Kindes (vgl. auch KdZ 1070) steigert die Schilderung unerträglichen Schmerzes oder dramatischer Seelenpein ins Extreme. Konzentriert auf Gesicht und Hals studiert Grünewald in dieser Zeichnung einen kindlichen Lockenkopf in spektakulärer Ansicht. In heftigster Regung wirft das Kind mit aufgerissenem Mund den Kopf in den Nacken. So schauen wir geradewegs in das tiefe Dunkel des weit aufgerissenen, schmalen, aber zum Halbrund geformten Mundes. Minutiös studiert wird die Oberkieferzahnreihe mit einigen Lücken. Lippenumriß, Zunge und Gaumen sind ebenfalls zu erkennen. Wie von einem breiten Rahmen wird der Mund von der bucklig-verkrampften linken Wange des Kindes hinterfangen. Gebogene Schraffenbänder definieren nachdrücklich die plastische Form und Wölbung dieses auffälligen Gesichtsdetails. Korrespondierend mit der weit aufgerissenen Mundpartie gibt Grünewald das Obergesicht mit heftig zugekniffenen Augen und affektgekräuselter Stirn hinter einer kleinen Stupsnase in strenger Verkürzung. Demgegenüber entwickelt sich der mächtige und durch die heftige Kopfneigung ebenfalls wie aufgequollen wirkende Hals in gemäßigter Aufsicht nach unten. Das kleine Kinn ragt nur wenig aus dem Verbund des massigen Halses mit deutlichem Kehlkopf hervor.
Tonige Wischtechnik in Verbindung mit wenigen, hauchzarten Schraffuren unterstützt an Hals und Wangen den Eindruck einer leicht gedunsenen Epidermis. Das Licht fällt steil von links oben auf das Kind herab, denn seine Lockenfrisur wirft einen Schatten auf die Schulter. Mit Weiß gehöhte Spitzlichter sind noch auf den Brauenbögen sowie rechts der Nasenspitze des Schreienden zu erkennen. Unten wird das dramatische Antlitz von einem geknöpften Hemdkragen begrenzt, den Grünewald in knapp gesetzten, sicheren Strichen rahmend um die Kopfstudie legt: »Der Vergleich, der Kopf liegt wie auf einem Tablett, mag gestattet sein«.
Offensichtlich wirkt diese Affektstudie wie ein nochmals im Ausdruck gesteigerter Alternativentwurf zu dem anderen Blatt eines schreienden Kindes. Neben der engen Typenverwandtschaft stehen sich auch charakteristische Gesichtsdetails sehr nahe, wie etwa der kräftige Hals, der kleine, stark gekurvte Oberkiefer, die bucklige Jochbeinlinie dahinter und die Stirnlocke des Kindes. Trotz der bewegungsbedingten Verzerrungen läßt sich in beiden Gesichtern dasselbe Modell erkennen. Und weil die Übereinstimmungen so greifbar sind, wird man hier auch in beiden Fällen tatsächlich Studien nach lebenden Personen annehmen dürfen. Auf dem anderen Blatt blieben zahlreiche Pentimentlinien stehen. Solche Korrekturen waren auf dieser Studie kaum (mehr?) nötig. Lediglich die Halslinie wurde rechts in einem kräftigen Abwärtsstrich nachkonturiert. Wollte man also eine Reihenfolge der Studien vorschlagen, so wäre diese wohl die reifere. Sie konnte bereits auf die ausdruckssteigernden Modifikationen der anderen Zeichnung aufbauen, etwa in der Umrißführung der Wangenlinie.
Der Zusammenhang beider Studien wirft die Frage ihrer ursprünglichen Widmung auf. Waren es Alternativstudien zu einer einzelnen Figur oder typengleiche Entwürfe für ein Paar oder gar eine Gruppe mehrerer Kinder oder Engel? Ganz ausgeschlossen scheint mir für die vorliegende Studie eine Bestimmung als singender Engel zu sein, die für den anderen Entwurf mit Blick auf das Isenheimer Engelskonzert der Zeit um 1515 noch erwogen werden konnte. Konzertanter Gesang entweicht dem hier weit aufgerissenen Mund zweifellos nicht. Unabhängig davon aber sind die typenmäßigen Beziehungen zu den Isenheimer Engelsphysiognomien nicht von der Hand zu weisen. Sie werden, wie Schoenberger mit seiner Datierung um 1515/16 bereits vorschlug, bei der zeitlichen Einordnung der Studien zu berücksichtigen sein.
Und so bleiben zur motivischen Anbindung dieser und der Alternativstudie nur Werke im Œuvre Grünewalds, die noch extremere Affekte oder gar pathologische Erscheinungen zum Ausdruck bringen. Fraenger erkannte in der Studie den Kopf eines Epileptikers, »der sich im wilden Initiationsschrei eines Anfalls in den Nacken bäumt«, und verwies zum Vergleich auf die Cyriakustafel des Heller-Altars mit der Figur der besessenen Prinzessin Artemia. Mit der vorliegenden Studie verbindet diese neben einer vergleichbaren Kopfhaltung und Grimasse auch die Darstellungsweise in leichter Aufsicht.
Verbreiteter hingegen ist in der Forschung der Hinweis auf ein verlorenes Werk Grünewalds, den Einsiedleraltar aus dem Mainzer Dom. Solange aber die Uffenbachsche Kopie verschollen bleibt, wird man kaum über eine vage Verknüpfung hinauskommen. Es sind auch andere Anlässe zu Darstellungen verzweifelter Kindergesichter denkbar und in der zeitgenössischen Kunst angelegt, etwa als trauernde Engel in Kreuzigungsdarstellungen, wie sie ein Umrißlinienstich Albrecht Dürers zeigt, zu dem es vergleichbare Engelskopfstudien von 1521 in Dürers zeichnerischem Werk gibt. Denkbar und von Schoenberger als mögliche Parallele erwähnt, wären auch die Beweinungen oder die Himmeltragung des Leichnams Christi, wie sie Hans Baldung Grien etwa zeitgleich in seinen Holzschnitt von um 1515/17 (B. 43) oder in sein Sebastiansmartyrium von 1514 (B. 37) aufnahm. Meier konnte sich den Schreienden sogar als Vorstudie zum hl. Antonius der Isenheimer Versuchungstafel vorstellen.
In jedem Fall ist die Verknüpfung des Schreienden mit der literarisch überlieferten Einsiedlertafel im Mainzer Dom nicht so zwingend, daß man deren Datierung in das Jahr 1520 ohne weiteres auf die Studienzeichnung übertragen könnte. Vielmehr ist wegen der Zugehörigkeit zu der anderen Affektstudie und deren typenmäßig engen Verwandtschaft zu den Isenheimer Figuren des Engelskonzerts durchaus eine frühere Entstehung im zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts denkbar. Aufbewahrt wurde die aus der Sammlung Klopfleisch stammende Studie möglicherweise zuvor gemeinsam mit einer größeren Anzahl weiterer Grünewaldzeichnungen. Das Kaschierungspapier der Studie trägt ein charakteristisches Wasserzeichen, ein Malteserkreuz in doppeltem Kreis. Motivgleiche Papiermarken finden sich mit unterschiedlichen Varianten in den Unterlagebogen mehrerer Blätter der Savigny-Sammlung und auf einer Dresdner Studie aus der Sammlung Gottfried Winkler zu den Aposteln der Frankfurter Verklärung Christi. Möglicherweise wurden diese Blätter vor ihrer Aufteilung auf verschiedene Sammlungen in einer Bearbeitungskampagne kaschiert. Dies wäre ein Hinweis auf eine gemeinsame Provenienz dieser Arbeiten bis mindestens zum Zeitpunkt ihrer gemeinsamen restauratorischen Bearbeitung.

Text: Michael Roth: Matthias Grünewald. Die Zeichnungen.
Im Auftrag des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft herausgegeben von
Rüdiger Becksmann. Berlin 2008, S. 69f., Kat. 25 (mit weiterer Literatur)


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